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Werkschau Ulrich Seidl

Seine Filme sind Herausforderungen, für Darsteller und Zuschauer. Ulrich Seidl filmt koksende Models, einsame Sodomisten und biedere Swinger. Lange Zeit galten seine Werke, die die Grenzen zwischen dokumentarischem Film und Spielfilm verwischen, als Geheimtipps, sie wurden als verwegen und unmoralisch eingestuft. Wegen seiner enthüllenden Dokumentationen warfen Kritiker dem Regisseur vor, er stelle Menschen bloß. Ulrich Seidl nennt das nur: Die Wahrheit zeigen. Der 1952 in Wien geborene Österreicher offenbart, wie die Menschen sich an Körper und Seele quälen in ihrer Suche nach ein wenig Liebe. Seine Filme sind Spiegel, die einen Kino-Kontinent ausbreiten, „der nur so lange fremdartig wirkt, bis man ihn als das erkennt, was er ist: ein Teil von uns.“ Markus Keuschnigg

Ulrich Seidls Filme sind einzigartig und unverwechselbar. Sie sind gekennzeichnet durch eine formale Strenge und inhaltliche Radikalität. War bei Andreas Dresen, dem wir im März eine Hommage widmeten, der Blick noch aus dem Küchenfenster und in die Hinterhöfe gerichtet, geht er bei Seidl hinter die Hausfassaden. Stuben, Küchen, Bäder, ein intimer Mikrokosmos. Und immer wieder Dielen, Korridore, Treppenhäuser, Passagen. Ulrich Seidl lotet eine (vermeintlich österreichische) Befindlichkeit aus, die „offiziellen“ Bildern diametral entgegengesetzt ist. Seidl: „Man besichtigt unsere Welt nur im Fernsehen und der Werbewelt und die Bilderwelt ist geprägt von einer Ästhetik und einem Ideal und einem Wunschdenken, dass das andere ausgeschlossen ist.“ Das andere meint durchs Raster Gefallene der individualisierten Leistungsgesellschaft, einsame, ältere und alte Menschen sowie Frauen, die gesellschaftlichen Forderungen nach Flexibilität und Leistungsoptimierung ausgesetzt sind, mit Auswirkungen auf die Seele und den Körper. Ulrich Seidls Kino ist ein körperliches Kino, es zeigt in MODELS (1998) explizit, welchen Prüfungen der Körper unterzogen wird, wirft die Frage auf, wie viele Drogen und wie viele Demütigungen ein Mensch um der Karriere willen verkraften kann. Ulrich Seidls Filme gehen unter die Haut, zeigen sie doch immer das ungeschönte Hautnahe und entlarven das aufgesetzte Geschönte.

Zum Seidlschen Realismus und einer bereits früh ausgebildeten extremen Stilisierung kommt ein magisches Element hinzu, das surrealistisch über den jeweils konkreten Sinnzusammenhang hinausweist: ein unvermittelt dargebotener Strip unter freiem Himmel in ländlicher Umgebung in MIT VERLUST IST ZU RECHNEN (1992), eine wie nicht von dieser Welt wirkende Autoskooter-Fahrt einer Gruppe Behinderter in PARADIES: LIEBE (2012), ein festgebundener Hund auf einem Laufband in einer bürgerlichen Garage in GOOD NEWS (1990). Dieser „magische Realismus“ macht seine Filme abstrakter, ebenso wie seine beziehungsreich angeordneten Tableaus. Seidl inszeniert seine Figuren in streng symmetrischen Kompositionen und einem charakteristischen Zusammenhang: auf dem häuslichen Sofa inmitten von zahllosen Stofftieren, vor einer Fototapete mit tropischem Motiv oder nackt vor kahler Wand mit angeleintem Hund. An August Sanders epochales Werk Menschen des 20. Jahrhunderts gemahnend, kommt so eine Darstellung und Reflexion des allgemein Menschlichen zum tragen. Auch Seidls Filme können als Antlitz der Zeit gelten, „Menschen des 21. Jahrhunderts“ darstellend ? der westlichen Welt, wie der Regisseur einschränkend hinzufügen würde. Auch diese, gleichsam aus der Zeit gelösten und lebenden Fotografien sind magische, fesselnde Momente.

Die Unterscheidung seines Werks in Dokumentar- oder Spielfilm ist dabei wenig von Belang. Ulrich Seidl inszeniert Laien wie Schauspieler stets vor realem Hintergrund und nennt das „die Wirklichkeit, nur stilisiert.“ Auftritte in vermeintlichen Dokumentarfilmen wie die von René Rupnik in DER BUSENFREUND (1997) gleichen Performances. Rupnik ist einer von vielen natürlichen Performance-Künstlern in Seidls Werk: Sie reichen vom Jiu-Jitsu-tanzenden Karl Schwingenschlögl aus DIE LETZEN MÄNNER (1995) über Maria Hofstätter und ihrem närrischen Sprechgesang in HUNDSTAGE (2001) bis zu Erich Finsches aufsässigen Pensionisten in HUNDSTAGE und IMPORT EXPORT (2007). „Rupnik ist eine Seidlsche Fantasie, die sich genau in jene Widersprüchlichkeit vereint, die der Filmemacher auch in anderen Kontexten stets zu suchen scheint: das Kleinbürgerliche, Ressentiment-Beladene, Seite an Seite mit dem Anarchischen.“ (Stefan Grissemann). Dieses anarchische Element, unterstützt durch die dialektgefärbte und bildliche Sprache der Protagonisten, transportiert auch einen Großteil des Humors der Filme von Ulrich Seidl, so auch Maria Hofstätters Verkörperung der Autostopperin in HUNDSTAGE (2001).

Ulrich Seidls Filme sind nicht moralisch oder moralisierend, dazu sind sie zu vielschichtig. In ihnen geht es aber um die Würde und die Freiheit des Einzelnen, der durch das gesellschaftliche Konkurrenzsystem Vereinzelten. Das Glück, die Liebe finden sie in seinen Filmen jedoch nicht. Was bleibt, ist die Sehnsucht danach, die Utopie der Liebe, die durch alle Bilder und durch die sparsam eingesetzte Musik seines faszinierenden Werks scheint. Eines Werks, das sich verdichtend und von konkreten Situation lösend, zu einer allgemeinen, abstrakten Wahrhaftigkeit gelangt und dem seit dem Erfolg von HUNDSTAGE nun auch international die verdiente Anerkennung beschieden ist. Mit seiner letzten Produktion, der erfolgreichen PARADIES-Trilogie (2012) gelang es Ulrich Seidl, die einzelnen Teile nacheinander auf den drei wichtigen Filmfestivals in Cannes, Venedig und Berlin uraufzuführen. Diesen Höhepunkt in seiner bisherigen Karriere würdigt das Filmhaus Nürnberg nun mit einer Retrospektive, die alle Filme von Ulrich Seidl aus den vergangenen 30 Jahren präsentiert.

Es ist uns eine große Freude, den Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Ulrich Seidl anlässlich der ihm gewidmeten Werkschau am 13. September im Filmhaus begrüßen zu dürfen.