Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie

Erstellt am: 12.11.2015

Fr., 14.10.2016 bis So., 15.01.2017

Wir leben heute in einer visuellen Kultur, die vor allem durch die Kommunikation mit fotografischen Bildern geprägt wird. Und obwohl wir wissen, wie manipulierbar diese Bilder sind, betrachten und benötigen wir sie doch als Zeugnisse historischer, kultureller oder sozialer Aspekte der Wirklichkeit. Seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert liefert die Porträtfotografie die Bilder, mit denen die Identität von Menschen und ihre individuellen Lebensumstände dargestellt wird. Um 1925 entwickelte August Sander (1876-1964) ein ambitioniertes Konzept zur enzyklopädischen Darstellung der damaligen Gesellschafts- und Berufsgruppen. Angelegt auf rund 600 Aufnahmen und unterteilt in sieben Gruppen, porträtierte er Menschen des 20. Jahrhunderts in typischer Umgebung, mit charakteristischer Kleidung oder berufsspezifischen Attributen. Die Unterteilung in die Gruppen Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt und Die letzten Menschen mag rund neunzig Jahre später seltsam antiquiert erscheinen, doch sein großes Verdienst besteht in diesem ersten Versuch einer Typologisierung zur repräsentativen Darstellung der Gesellschaft.

August Sanders ästhetische und konzeptuelle Maßstäbe dienen bis heute als Referenz für die frontal ausgerichteten, ganzfigurigen Porträts von Menschen in ihrem Arbeits- oder Lebensumfeld, wie etwa die seriellen Arbeiten von Charles Fréger, Bernhard Fuchs, Hiroh Kikai, Joerg Lipskoch, Francesco Neri, Mette Tronvoll oder Albrecht Tübke in der Ausstellung Mit anderen Augen belegen. Auf Sensibilität und gegenseitigem Vertrauen zwischen Porträtierten und Fotografen basieren die individuellen Einzel-, Gruppen- und Familienporträts von Thomas Struth, Wolfgang Tillmans und Tobias Zielony, während Thomas Ruff mit seinen frühen Porträtserien zwar der Methode der Typologie folgt, diese jedoch nutzt, um zu demonstrieren, dass durch ein Foto gerade nicht das Wesen eines Individuums repräsentiert wird.

Ob Einzelpersonen, Familien, Freunde oder unbekannte Passanten, die Porträtfotografie umfasst ein weites Spektrum der Darstellung von Menschen, das vom Passbild und der sachlichen Typologie über die sensible Reportage bis zum Rollenspiel und der surrealen Inszenierung reicht. Auch die mediale Selbstreflexion, die Montage, die Verfremdung durch technische Mittel, der Rückgriff auf ikonografische Bildtraditionen sowie die Neuordnung und Präsentation vorgefundener Aufnahmen gehören zu der vielseitigen Praxis und Theorie der zeitgenössischen Porträtfotografie. Die Befragung der Identität von Menschen hat sich mit der Vielfalt der technischen Möglichkeiten und den damit verbundenen ästhetischen Bildsprachen wesentlich erweitert und bezieht das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, beispielsweise durch die Fotografie im öffentlichen Raum oder Aufnahmen von Überwachungskameras, ganz selbstverständlich mit ein. Der Schweizer Künstler Beat Streuli hat zu diesem Themenkomplex für den Projektraum der Kunsthalle Nürnberg eine neue Installation mit Fotografien und Filmen geschaffen, die im Juni 2016 zwischen den Anschlägen auf den Straßen Istanbuls entstanden sind, und hier erstmals gezeigt wird.

Die vom Kunstmuseum Bonn und der Photographischen Sammlung/SK-Stiftung Kultur in Köln gemeinsam entwickelte Ausstellung Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie umfasst eine Auswahl von 43 deutschen und internationalen künstlerischen Positionen seit den 1990er-Jahren. In Nürnberg wird das umfangreiche Projekt zusammengeführt und in der Kunsthalle Nürnberg sowie im Kunsthaus gezeigt. Damit wird nicht nur erstmals das Potenzial des KunstKulturQuartiers zur Durchführung einer thematischen Sonderausstellung genutzt, durch die neue Zusammenstellung und andere Schwerpunktsetzung werden die Arbeiten noch einmal 'mit anderen Augen' wahrnehmbar.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Snoek Verlag erschienen mit Interviewbeiträgen aller Künstlerinnen und Künstler sowie mit Essays von Gabriele Conrath-Scholl, Stefan Gronert, Barbara Hofmann-Johnson, Klaus Honnef und Claudia Schubert (39,80 €).

Teilnehmende Künstler:
Ute Behrend, Katharina Bosse, Clegg & Guttman, Dunja Evers, Jan Paul Evers, Charles Fréger, Albrecht Fuchs, Bernhard Fuchs, Jitka Hanzlová, Pepa Hristová, Uschi Huber, Pieter Hugo, Jörg Paul Janka, Sabrina Jung, Dagmar Keller/Martin Wittwer, Annette Kelm, Erik Kessels, Dieter Kiessling, Hiroh Kikai, Jana Kölmel, Eckhard Korn, Joerg Lipskoch, Christian Mayer, Katharina Mayer, Christopher Muller, Francesco Neri, Mark Neville, Peter Piller, Barbara Probst, Timm Rautert, Daniela Risch, Thomas Ruff, Daniel Schumann, Oliver Sieber, Beat Streuli, Thomas Struth, Katja Stuke,  Jerry L. Thompson, Wolfgang Tillmans, Mette Tronvoll, Albrecht Tübke,Christopher Williams und Tobias Zielony.