Fr., 3.5. um 18.30 Uhr Grand Dame des georgischen Films zu Gast: Lana Gogoberidse

Buchvorstellung und Lesung aus der Autobiografie. Film EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLICHEN FRAGEN mit anschließendem Gespräch.

Programm

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Charles Chaplin Retrospektive

Der Film hat viele Genies hervorgebracht, wie die anderen Künste und Wissenschaften auch; sogar folgenreichere; aber Charles Chaplin war wohl das einzige, dessen Kunst universell verstanden und geliebt wurde. Chaplins Vagabund, der kleine Tramp mit den Manieren und der Würde eines Gentlemans, wurde im beginnenden Medienzeitalter zu einem zentralen Repräsentanten der Menschheit. Charlie, Charlot, Carlos, Carlito waren die Namen für die universale Figur, die sich durch das Esperanto des Stummfilms und Chaplins Begabung ausdrückte. Seine Pantomime, die Gesten und mimischen Situationen, die er erfand, um eine bestimmte Haltung auszudrücken, die sich sprachlich nur schwer umschreiben lässt, war, so hieß es, Kindern und Erwachsenen überall und unmittelbar verständlich. In seinen einfachen und klaren Geschichten kristallisierten sich allgemeinmenschliche Lebenserfahrungen: wie man durch den Alltag und dessen Wirrnisse kommt, wie man ein gebrochenes Herz verwindet, wie man aufbricht zu neuen Hoffnungen.

Der Regisseur, Schauspieler, Autor, Produzent und Komponist Charles Spencer Chaplin wurde am 16. April 1889 in London geboren. Aus einer Schauspielerfamilie stammend ? seine Eltern waren Music-Hall-Artisten ? trat er bereits als Achtjähriger auf. 1906 wurde er von dem weltberühmten Pantomimen-Theater-Produzenten Fred Karno engagiert. Gastspiele führten Chaplin nach Frankreich und die USA, wo ihn Mack Sennett 1913 für sein erfolgreiches Keystone-Studio engagierte. Im Januar 1914, so wird kolportiert, ging Charles Chaplin, der in London Armut, Hunger und Trunksucht erlebt hatte, auf der Suche nach einer neuen Komödien-Gestalt in den Fundus der Keystone-Studios und stellte sich spontan ein Kostüm zusammen, das unsterblich werden sollte. Der Tramp war geboren, mit seinen viel zu großen Schuhen, den viel zu weiten Hosen, dem viel zu kleinen Stöckchen und der speckigen Melone. Innerhalb weniger Monate machte Chaplin sich – zunächst als Schauspieler, bald auch als Regisseur – mit einer Serie von Komödien einen Namen. Bereits bei Mack Sennett konnte er früh einen eigenen Stil durchsetzen. Die typischen Schemata bei Keystone, Verfolgungsjagden und Sahnetortenschlachten, waren auf Chaplin nicht anwendbar. Er entwarf vielmehr ein Thema und erfand dann den Film beim Drehen. Daraus entwickelte sich bald eine ganz eigene, immer zeitaufwendigere Produktionsweise. Die Ein- und Zweiakter, die Chaplin zunächst bei Keystone (1914, 35 Filme), dann bei Essanay (1915, 14 Filme) und später bei Mutual (1916/17, zwölf Filme) produzierte, zeigen einen ständigen Fortschritt und Qualitäten, die damals neu für die Filmkomödie waren: Pathos, Ironie, Pantomime, die es mit der ernsten Schauspielkunst aufnehmen konnten und satirische Seitenhiebe auf soziale Themen. Aus heutiger Sicht erstaunlich ist die rasante Entwicklung Chaplins. Sieht man seine Filme von 1914 bis 1917 aufeinanderfolgend, kann man die Selbstfindung eines Genies erleben.

Noch während des Ersten Weltkriegs war Charles Chaplin zum bedeutendsten Faktor der Filmindustrie geworden, er besaß eine „uferlose, wilde Popularität“ (Thomas Mann), die seinem Namen den Charakter eines Mythos verlieh. Sein Erfolg war beispiellos. In den späten 20er und frühen 30er Jahren erklomm sein Ruhm seinen Zenit. Wo immer er hinkam, wurde er von Menschenmassen begrüßt. Charlie war der Held von Comic-Strips, sein Bild zierte alle Arten von Gebrauchs- und Schmuckartikeln, es gab Lieder über ihn, Kinderspiele nahmen auf ihn Bezug und die Prominenz der Zeit besuchte ihn im Atelier.

1918 schloss Charles Chaplin mit First National einen hochdotierten Vertrag für acht Filme. Dabei trat er erstmals als sein eigener Produzent auf. Im gleichen Jahr errichtete er sein eigenes Studio, in dem er in den nächsten 33 Jahren mit unvergleichlicher künstlerischer Freiheit experimentieren konnte. Frühe Meisterwerke wie EIN HUNDELEBEN und GEWEHR ÜBER entstanden im gleichen Jahr sowie sein erster abendfüllender Spielfilm DER VAGABUND UND DAS KIND (1921), an dem Chaplin ein Jahr lang gearbeitet hat, und der bereits eine ausnehmend sozialkritische Dimension besitzt. Die sprunghaft steigenden Gagen versetzten Chaplin in die Lage, 1918 gemeinsam mit Mary Pickford, Douglas Fairbanks und D.W. Griffith die Produktions- und Verleihgesellschaft United Artists (UA) zu gründen. Chaplins erster Film für die UA, DIE NÄCHTE EINER SCHÖNEN FRAU (1923), ein stilbildendes Melodram mit seiner langjährigen Partnerin Edna Purviance in der Hauptrolle, war gleichzeitig der erste Film, in dem der Star nicht selbst auftrat. GOLDRAUSCH und DER ZIRKUS führten Chaplin in den Jahren 1925 und 1928 zu weiteren Höhepunkten seiner Karriere.

In LICHTER DER GROSSSTADT (1931) benutzte Chaplin den Ton nur für Musik und Effekte, obgleich der Film nach Einführung des Tonfilms gedreht wurde. Auch der sozialkritische MODERNE ZEITEN (1936), in dem Chaplin zum letzten Mal die Figur des Tramps spielt, ist weitgehend ein Stummfilm. Sprache wird darin nur von den Herrschenden benutzt, die Unterdrückten bleiben bei Chaplin sprichwörtlich stumm. Der Einbruch des Tonfilms bedeutete für Chaplin nicht das Ende seiner Möglichkeiten, die man bis dahin gemeinhin in seiner Kunst der Pantomime gesehen hatte. Er fand die Kraft und den Mut, sein eigener Drehbuchautor, sein eigener Produzent und sein eigener Komponist zu werden. „Wenn er längere Zeit brauchte, sich mit dem Tonfilm anzufreunden, dann deshalb, weil die zusätzliche Verantwortung auf seinen Schultern ruhte, sich selbst auf der Leinwand zu exponieren, und weil der dafür notwendige Schritt enorm groß war, zumal seine künstlerische Ausdrucksfähigkeit im Stummfilm ihre perfekte Form gefunden hatte“, bemerkte François Truffaut.

Der Einbruch des Tonfilms bedeutete allerdings das Ende des Tramps, der Chaplin gemäß nicht sprechen konnte. Ab 1938 bereitete Chaplin das Hitler-Projekt DER GROSSE DIKTATOR (1940) vor. Im Verlauf des Jahres mehrten sich die Versuche, ihn daran zu hindern, diesen Film zu drehen; diplomatische Vertreter Deutschlands und verschiedene amerikanische Organisationen übten Druck auf ihn aus. Im Frühjahr 1940 war der Film fertig, in dem Chaplin eine Doppelrolle als Tyrann Hynkel und namenloser jüdischer Friseur spielt, aber erst sechs Monate später wurde er gezeigt. Als armer Friseur, der für den Diktator gehalten wird, und es sich nicht mehr leisten kann, stumm zu bleiben, richtet er einen flammenden Friedensappell an die Welt. Im Herbst 1940 wurde Chaplin vor einen Senatsausschuss zitiert, dessen erklärtes Ziel es war, Hollywood-Filme wegen kriegshetzerischer Tendenz verbieten zu lassen. Mit diesem Datum begann eine Kampagne gegen Chaplin, die bis 1952 anhielt. Man warf ihm mangelnden Patriotismus vor (Chaplin besaß noch immer die britische Staatsbürgerschaft), eine vermeintliche Sympathie für den Kommunismus und man drohte ihm mit einer Anklage vor McCarthys „Komitee für unamerikanische Umtriebe“. Chaplin wurde wiederholt vom Komitee vor- und wieder ausgeladen. Schließlich sandte er dem Komitee ein Telegramm: „Ich bin kein Kommunist, und ich bin noch nie in meinem Leben einer politischen Partei oder Organisation beigetreten. Ich bin das, was man einen Friedenshetzer nennen könnte. Ich hoffe, das stört sie nicht:“ Als man ihm 1952 nach der europäischen Premiere seines Films RAMPENLICHT (1952) in London das Wiedereinreisevisum aufhob, zog er es vor, nicht mehr in die USA zurückzukehren und ließ sich 1953 in der Schweiz nieder. Seine beiden letzten Filme EIN KÖNIG IN NEW YORK (1957) und DIE GRÄFIN VON HONGKONG (1967) entstanden beide in England. In EIN KÖNIG IN NEW YORK reflektierte er die „Gesinnungsschnüffelei“ in den USA und rechnete satirisch mit den dortigen Verhältnissen ab. Nach 20 Jahren bot Hollywood einen Ölzweig an, und Chaplin wurde 1972 ein stürmischer Empfang bei der Verleihung des Oscars für seine „unschätzbaren Verdienste um die Filmkunst“ bereitet. Am 25. Dezember 1977 verstarb der Philanthrop Charles Chaplin im Alter von 88 Jahren in seinem Anwesen am Genfer See.

Charles Chaplin besaß die Gabe, die Menschen zum Lachen aber auch zum Weinen zu bringen. Er besaß eine tiefgründige Verwandtschaft zu Molière und Melville und ganz besonders zu Shakespeare, viele seiner Filme sind Tragikomödien. Der große Regisseur und Schauspieler – oder besser der große Tragiker und Komiker – war sich der weitreichenden Probleme des zeitgenössischen Lebens bewusst.

Im Menschen lebt etwas, schrieb der Schriftsteller und Pazifist Kurt Hiller, „was über den Verstand hinausreicht und an das er in seinen erhabenen Augenblicken sich magisch gebunden fühlt, so kann großen und dauernden Erfolg eine politische Bewegung nur dann haben, wenn sie dieses Etwas in ihren Hintergründen aufleuchten lässt; wenn sie eine Perspektive ins Unendliche herstellt.“ Charles Chaplin, folgerte Klaus Kreimeier, „hat in seinen besten Filmen mitten in den kleinen und großen Miseren des Alltags diese Perspektive ins Unendliche immer wieder aufleuchten lassen – gerade die oft herzzerreißenden Details seiner Filmhandlungen sind nicht zu trennen von der konkreten, erreichbaren und lebbaren Utopie in seinem Werk.“

2014 ist ein Jubiläumsjahr, das 125 Jahre Charles Chaplin und 100 Jahre Chaplins Tramp feiert. Anlass für das Filmhaus, dem Ausnahmekünstler im Dezember und Januar eine umfangreiche Retrospektive mit insgesamt 45 Werken zu widmen. Zum Auftakt am 8. Dezember präsentiert der Chaplin-Biograph Fritz Hirzel aus Bern das Kurzfilmprogramm „Die Geburt des Tramps“, und zeigt auf, wie Chaplin bei Keystone 1914 die Persona des Vagabunden annimmt und zum Regisseur wird.

Eine große Auswahl von Kurzfilmen, die in den Jahren 1915 bis 1917 bei Essanay und Mutual (restauriert 2013!) und später bei First National entstanden sind - darunter DER PILGER (1923), GEWEHR ÜBER! (1918) und DER VAGABUND UND DAS KIND (1921) ?, schließt sich ebenso an wie der selten zu sehende und wiederzuentdeckende EIN KÖNIG IN NEW YORK (1957) sowie die Meisterwerke GOLDRAUSCH (1925), LICHTER DER GROSSSTADT (1931), MODERNE ZEITEN (1935), MONSIEUR VERDOUX – DER HEIRATSSCHWINDLER VON PARIS (1947).

In Kooperation mit: Österreichisches Filmmuseum, Wien und Chaplin Office, Paris. Die Filme des THE CHAPLIN ESSANAY-MUTUAL PROJECT wurden restauriert von: La Fondazione Cineteca di Bologna und Lobster Films, in Zusammenarbeit mit Film Preservation Associates und Chaplin Office.

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