Programm

Jenseits des Krieges

Schwerpunkte
Jenseits des Krieges
am Di., 25.4. um 18.45 Uhr, Einführung: Eckhard Dietzfelbinger & Matthias Dachwald
Filmhaus im KunstKulturQuartier - Filmhauskino

mehr ->

Werkschau Ruth Beckermann

Ruth Beckermann, geboren 1952 in Wien, arbeitet seit 40 Jahren als Dokumentarfilmerin, ihr Name steht für ein der Realität zugewandtes, politisch ungemein sensibles Kino. Die Filmformen, in denen sich ihre Politik der Bilder manifestiert, sind vielfältig: von "klassischen" Zugängen über essayistische Zeit- und Raumteppiche bis hin zu künstlerischen Tigersprüngen, bei denen das Dokumentarische ins Fiktionale übergeht. Gemeinsam ist allen Filmen Beckermanns eine Auseinandersetzung mit der Geschichte: Etwa bei ihrer Beschäftigung mit Österreich, dem Judentum und Fragen nach der persönlichen und kollektiven Identität beziehungsweise deren Brüchen. Die formale Agilität der Filme ist dabei nie Selbstzweck. Was sie einmal über ihre künstlerische Wahlverwandte – Chantal Akerman – geschrieben hat, gilt programmatisch auch für Beckermann selbst: "Sie flüchtet sich nie in experimentelle Spielereien. Hinter ihren Filmen steht eine Autorin, welche das Bedürfnis hat, ihre Zeit auszudrücken."

Diese ihre Zeit als Filmemacherin reicht zurück ins Wien des Jahres 1976, wo sie als Teil eines unabhängigen Videokollektivs versuchte Kino politisch nutzbar zu machen. Doch Beckermanns Interessen sind nicht aufs Lokale beschränkt: Spätestens mit DIE PAPIERENE BRÜCKE (1987), einer filmischen Spurensuche nach jüdischem Leben auf dem Gebiet der ehemaligen k.u.k. Monarchie, weitet sich der geografische Raum; und ihr Roadmovie AMERICAN PASSAGES etwa setzt am 4. November 2008 in Harlem ein – als Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird.

Zugleich schlagen Ruth Beckermanns Filme Brücken über die Zeit: vom Schicksal ihres aus Czernowitz stammenden Vaters (DIE PAPIERENE BRÜCKE), über die Wiener Zwischenkriegszeit (WIEN RETOUR) bis zur Gegenwart in das einst jüdisch geprägte Textilviertel Wiens in HOMEMAD(E). Von den Spuren, die Kaiserin Elisabeth in Ägypten hinterlassen hat EIN FLÜCHTIGER ZUG NACH DEM ORIENT, bis zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" und den Reaktionen, die ebendiese bei den Besuchern, in der Mehrzahl ehemalige Wehrmachtsangehörige, zur Folge hatte (JENSEITS DES KRIEGES).

Die Werkschau erkundet das Schaffen einer Regisseurin, der geschlossene Erzählformen ebenso suspekt sind wie ein lineares Geschichtsbild. Immer freier und mutiger fügen sich in ihrer Arbeit die Bilder zueinander, im Flechtwerk zwischen Vergangenheit und Gegenwart, hier und "dort", zwischen dem filmenden Ich und der Welt. Von dieser Beweglichkeit, die an die Arbeiten Chris Markers erinnert, zeugen nicht zuletzt die Titel ihrer jüngsten Werke:
THOSE WHO GO THOSE WHO STAY (2013), ein Filmessay, dessen Thema die freiwilligen und unfreiwilligen Reisebewegungen auf dem europäischen Kontinent ist sowie DIE GETRÄUMTEN (2016) – Ruth Beckermanns erster, wunderbar stimmiger Spielfilm, in dem sie die Liebesbeziehung zwischen dem Lyriker Paul Celan und der jungen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann im Wien der 1950er Jahre in Szene gesetzt hat." Österreichisches Filmmuseum

Herzlichen Dank an Ruth Beckermann sowie Gerald Weber (sixpackfilm) und das Österreichische Filminstitut für das Zustandekommen der Werkschau sowie an Lilia Antipow (FAU Erlangen/Nürnberg). Ruth Beckermann wird am 8.4. zur Vorstellung von DIE PAPIERENE BRÜCKE im Filmhaus zu Gast sein.