Rückblick: shift/walls 2021

Avatar of Stephanie BraunStephanie Braun - 28.12.2021 - Ein Haus, viele Gesichter

Man nehme: 7 Künstler:innen, 1 leere Ausstellungsfläche, 2 Wochen und unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Raus kommt: Wer soll das schon vorher wissen? Und genau darum ging es bei der zweiten Edition von @shift/walls. Sieben interdisziplinär arbeitende Künstler:innen mit Verbindungen in den Nürnberger Raum bezogen für zwei Wochen das Kunsthaus als temporäres Atelier, arbeiteten nebeneinander und gemeinsam um zu erörtern wie Raum und Leute sich gegenseitig beeinflussen.

Die Künstler:innen ließen keine Zeit verstreichen, machten gleich zu Tag Eins den Namen zum Programm: sie verschoben Ausstellungswände um Räume voneinander zu trennen, veränderten die Lichtsituation, richteten ihre neuen Arbeitsplätze ein -- kurz: sie machten sich das Kunsthaus zu eigen. Aus dem White Cube war innerhalb kürzester Zeit eine bunte Atelier-WG geworden.

Doch nicht nur die Künstler:innen veränderten das Kunsthaus, die Räume beeinflussten auch die Künstler:innen. So ließ sich beispielsweise Ilana Pichon mit ihren Wandarbeiten "Hublot 1-3" (franz. Bullauge) von der Form der Bögen inspirieren, die immer wieder in der Architektur des Kunsthauses auftauchen. Entgegen ihrer Gewohnheit arbeitete sie dabei ausschließlich in Schwarz und legte so den Fokus auf die vielschichtigen Strukturen ihrer diversen Arbeitstechniken. Auch Luca Hien arbeitete an der Wand und erstellte ein mehrere Meter hohes und breites Graffito, dass er sukzessive in dutzenden Ebenen auftrug.

Auch die Idee der Atelier-WG wurde teils sehr ernst genommen. Lucas Krieg, der sich in seinen Arbeiten intensiv mit seinen Träumen beschäftigt, nächtigte mehrmals im Kunsthaus um sich auch auf der Traumebene von den Räumlichkeiten beeinflussen zu lassen. Die Erfahrungen aus seinen luzidenTräumen sammelte er dann in einem Audio-Tagebuch und verarbeitete sie zusätzlich in seinen Skulpturen. Gesellschaft leisteten ihm zu später Stunde Cris Koch und Bogi Nagy. Beide betraten dabei nicht nur räumlich neues Terrain. Während Cris auf für ihn unüblichen kleinen Leinwänden seine Collagen entstehen ließ, versuchte sich Bogi zum ersten Mal an zwei lebensgroßen Skulpturen.

Für die musikalische Bespielung des Kunsthauses sorgten Marco Stanke und ebenfalls Cris, die über die zwei Wochen gemeinsam eine Soundperformance erschufen. Nachdem das Grundgerüst gefertigt war kam außerdem Hannah Gebauer mit an Bord, die die Musik visuell übersetzte. Dafür programmierte sie interaktive Animationen, die auf bestimmte Frequenzen reagierten und so das Gehörte auch auf visueller Ebene erfahrbar machten.

Eindrücke von shift/walls 2021

Damit die Arbeit nicht in einer BlackBox geschah wurde der gesamte Prozess via Social Media begleitet. Während man sonst in einer Ausstellung meist nur dem finalen Ergebnis gegenübersteht, konnte über die intensive Begleitung die Entstehung der einzelnen Werke, aber auch die Arbeitsweise der Künstler:innen mitverfolgt werden. Und da lief nicht immer alles reibungslos: Lucas berichtete von schlaflosen Nächten. Bogi musste feststellen, dass sie in der kurzen Zeit doch nur eine der Skulpturen fertig stellen könnte. Hannah vergaß es, einen Programmentwurf abzuspeichern und musste von vorne anfangen. Und Luca, der nach einer Woche bereits seine gesamte Wandfläche bemalt hatte, merkte, dass dies zu überladen war und begann Teile seines Werkes wieder weiß zu überstreichen.

Obwohl shift/walls sich vor allem auf den Prozess konzentriert, wurden zum letzten Wochenende dennoch auch (Zwischen-)Ergebnisse präsentiert. Nachdem am Freitag Cris, Marco und Hannah ihre Live Visual Sound Performance aufführten, kamen am Samstag einige alte WG-Mitbewohner zu Gast: das Hip-Hop-Kollektiv Lass Weng Flown war bereits im Dezember 2020 Teil von shift/walls, konnten auf Grund der Corona-Situation jedoch nur per Stream auftreten. Dieses Jahr deuteten sie Lucas Malerei zur Bühne um und performten ihre Beats und Rhymes live vor Publikum.

Nach zwei Wochen intensiver Bespielung ist mittlerweile wieder Ruhe ins Kunsthaus eingekehrt. Noch am Montag nach dem Abschlusswochenende rückte der Maler an und entfernte so manches Kunstwerk. Denn auch das gehört zu shift/walls - es ist nunmal temporär. Ein kleiner Trost war es, dass Lucas Werk auch nach zweimaligem Streichen noch nicht ganz überdeckt war. Ein viel größerer Trost, dass auch fünf weitere Farbschichten nicht die im Projekt entstandenen Erfahrungen, Prozesse und Synergien überdecken können...

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Die Social-Media-Dokumentation kann weiterhin über den Instagram-Account des Küntlerhauses (vor allem in der Rubrik "Videos) und unter #shiftwalls gefunden werden.

Außerdem erschien ein Artikel zum Projekt im Curt.

Dokumentation durch das media kollektiv

Zusätzlich zu den täglichen Kurzdokus auf Instagram begleitete das media kollektiv den gesamten shift/walls-Prozess. 

Theater 4 – Ein Tibeter in meinem Büro

11.10.2021

Neues Video aus der Serie "Maulwürfe" nach Günter Eich

Das Theater4 macht kleine, große Gedanken-Filme in der Baustelle des Künstlerhauses. Maulwürfe nach Günter Eich sind fleißige Bauarbeiter und der Feind allzu glatter Rasenflächen:

Das ergibt alles keinen Sinn. Die Zusammenhänge, die man eben noch glaubte zu verstehen, zersplittern. Alles fällt auseinander. Je länger man über die Welt nachdenkt, wie sie sich in der Erinnerung, in vermeintlichem Wissen und den eigenen Einsichten spiegelt, desto mehr zersetzen sich belastbare Regeln und Orientierung. Alles ist relativ. Schlimmer, vieles ist instrumentalisiert und Werkzeug von Macht und Gewalt.
Es droht cerebrale Anarchie, die stärker ist als jede Registratur. Da trösten auch das Frühstücksgulasch und die Erinnerungen an Ferien in Hilpoltstein nicht.

Türe zu!

Alle Videos der Reihe findet ihr hier


(Frei)Raum für Künstler*innen

01.07.2021

Eine Seltenheit seit über einem Jahr: In den letzten Monaten haben sich zwei neue Gesichter in unserem Haus eingerichtet. Die Illustratorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch haben im April und Mai jeweils zwei Wochen im (Frei)Raum im zweiten Obergeschoss des Glasbaus verbracht und ihn als Atelier und Arbeitsort für ihr neues Buchprojekt genutzt:

„Schwellenangst“, ein Buch über Sterben und Tod. Und Trauer. Ein anderes Buch über Grenzen und das Darüberhinaus. Absolut kein Lifestylebuch. Und dann vielleicht doch, im Wortsinne. Ein Buch übers Ende, das vor allem eines tut: es schärft das Jetzt. 

Die Künstlerinnen beschäftigen sich momentan mit alternativen Narrativen und neuen visuellen Darstellungsformen der Sepulkralkultur. Das Projekt entsteht als hochschulübergreifende Master- und Diplomarbeit (HAW-Hamburg & HGB Leipzig). Das Künstlerhaus Nürnberg bietet als Künstler:innen-Residenz Raum für dieses Projekt.

Während ihres Aufenthalts im Glasbau haben die Illustratorinnen ihre Arbeitsstücke auch im Schaufenster des Glasbaus ausgestellt.