Wayne Graham (USA)

+ The Green Apple Sea (D)

Fr / 4.11.2022 / 20:30 Uhr


In den letzten Jahren mag Wayne Graham bei manchen schon mal auf dem Radar aufgepoppt sein - Die Band zweier Brüder, Kenny (Gesang, Gitarre) und Hayden Miles (Schlagzeug, Gesang), bringt feinsten Americana, produziert in einem kleinen Studio im Keller ihres Elternhauses in Whitesburg einem weitestgehend abgehängten 2000-Seelen Örtchen ganz im Osten Kentuckys. Die beiden Brüder teilen sich Songwriting und Arrangement und spielen den Großteil der Instrumente selbst. Live und auf ein paar Tracks der Alben werden sie unterstützt von Lee Owen an der Gitarre und José Gonzales am Bass. Bis dato haben Wayne Graham vier Alben in Europa veröffentlicht das fünfte, „ISH“, kommt pünktlich zum Tourauftakt am 11.11.22. Waren „Mexico“ (2016), „Joy!“ (2018) und die Outtakes-Sammlung „Songs Only A Mother Could Love“ (2019) relativ rootsy und erdig gehalten, betonte „1% Juice“(2020) die progressive, suchende Seite des Folkrock und Americana-Universums von Wayne Graham. „ISH“ knüpft wunderbar an die Vorgänger an und beweist wieder einmal warum es sich bei der Band um einen absoluten Geheimtipp handelt.

Vor etwa acht Jahren ist Stefan Prange, kreativer Kopf und Songwriter von The Green Apple Sea aus Nürnberg aus Abscheu vor den Mechanismen des modernen Lebens raus aufs Land gezogen. Er hat sich langsam aus dem Indie-Szeneleben verabschiedet, statt Musik zu machen Kartoffeln gezüchtet und eine G-Jugend Fußballmannschaft trainiert. Er wollte nicht mehr Musiker sein oder Lieder schreiben. Er wollte nie wieder live auftreten. Sein Home war sein Castle. Das einzige Problem: das war seinen Liedern egal. Die kamen trotzdem und schienen auch noch gut zu sein. Also hat Prange angefangen, die Lieder heimlich auf sein Telefon zu singen und Stromrechnungen mit Texten voll zu kritzeln. Auch seine ehemalige Band, der er die Fragmente dann doch irgendwann zusteckte, fand das neue Zeug prima. Stefan Prange hat sich dann immer mehr aus der Fußballtrainer-Szene verabschiedet und statt Kartoffeln zu züchten ist er sonntags bei Open-Mic Veranstaltungen aufgetreten, um die neuen Songs zu testen. Dann fuhr er nach London, um dort eine Communion Records Clubnight zu spielen und eine Daytrotter-Session aufzunehmen. Beides Träume seiner schlaflosen Nächte. Kurz darauf ging die Band wieder ins Studio, eine Platte aufnehmen. Das dauerte vier Jahre. Jetzt ist sie fertig und heißt: „Directions“. Die Aufnahmen zu „Directions“ waren dann das schwierigste, was The Green Apple Sea bis dato erlebt hatten. Nach dem vielgelobten Vorgängeralbum „Northern Sky/Southern Sky“ von 2010 und Pranges langer Schaffenspause wollten sie eine gute Platte machen. Alles dauerte länger als geplant. Jahre. Jahre. Jahre. Geblieben ist der The Green Apple Sea-typische, organische Band-Sound, bei dem alles verwoben ist, gleichzeitig aber jedes Instrument, jede Melodie seinen Platz hat und hörbar ist. Gesänge und Chöre bleiben eines ihrer Markenzeichen und fast jeder Song stellt eine Art Erkennungsmelodie an den Anfang, die meist von Produzent Christian „Wuschi“ Ebert am Keyboard oder Klavier gespielt wird. Die Melodie als Grundzutat des Songwritings. Das Lied fängt an und man weiß sofort welche Band da gerade spielt. The Green Apple Sea verstehen es wie kaum eine andere Band, Melancholie und Bitterkeit mit perlenden, Country-infizierten Popsongs zu verbinden. Aber es ist nicht allein der innere Widerspruch, der herrlich irritierende Kontrast zwischen Text und Musik, der diese Band so besonders macht. Natürlich sind es auch die Songs. Diese geschnitzten, gedrechselten Songwriting-Prototypen. Falls jemals jemand fragen sollte, was eigentlich genau Songwriting bedeutet, spiele man dieser Person einen beliebigen Titel von TGAS vor. Damit sollte die Frage beantwortet sein. Jedes der Stücke auf „Directions“ hat eine solch entwaffnende Strahlkraft, dass man beim Hören allmählich begreift, warum Komposition und Produktion acht Jahre gedauert haben. Und es scheint, als wollten TGAS hiermit dem Begriff „Album“ seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeben. War doch ein Album früher nichts anderes als eine Sammlung zuvor erschienener Singles. Genau so klingt „Directions“, nämlich, wie eine Zusammenstellung von Stücken, die jedes für sich allein stehen wollen. Die keine Nachbarschaft und eigentlich auch keinen Zusammenhang brauchen. Viele der Songs auf „Directions“ beschreibt Stefan Prange als „eine Art Post-ComingOfAge-Sache“. Im Erwachsenenalter angekommen sein, gebrochene Biographien, noch viele Eigenschaften und Handlungsweisen eines Jugendlichen beibehalten, aber irgendwie dann doch akzeptieren, dass die Jugend endgültig vorbei ist. Sich den Zwängen und den plötzlich arg beengten Freiräumen hingeben, in die man sich da kürzlich herein manövriert hat. In allen Belangen: Job, Beziehung, Verantwortung für andere. „Floaters“ und „Please Slow Down“ handeln direkt von diesem Themensumpf. Auch die Beziehung zum Partner ändert sich, wird tiefer. Rollen werden getauscht, der Alltag kommt dazu. „Change Of The Weather“, „Words Can Be Wrong“ und „Hundred Times A Day“ drehen sich direkt um Beziehungsthemen. „We Don’t Want To Hang Out With You“ ist ein Song über Kinder, bzw. was Eltern oder andere in Ihnen sehen wollen. Gleichzeitig stellt der Song fest, dass mit den neuen Menschen auch eine Neuorientierung der Eltern stattfindet - eine Art Desintegration, Abgrenzung von den eigenen Eltern und Abschottung dieser neuen „Gemeinschaft Familie“ nach außen hin. Außerdem gibt es auf dem Album die ersten intensiveren Begegnungen mit Krankheit und Tod, sei es von Freunden, Verwandten oder den Eltern. „Grey Grey Sky“ handelt von jemandem, der aus dem Koma zurück ins Leben kommt. Koma-Patienten rudern nach dem Erwachen wild mit den Gliedmaßen, als würden sie zurückfallen ins Leben. Über die Hälfte der Songs auf „Directions“ sind auf einer alten Höfner-Gitarre mit einer offenen D-Stimmung geschrieben und gespielt. Die Gitarre hatte Prange vor einigen Jahren gegen ein Doppelkassettendeck eingetauscht. Bei vielen Songs verwendet er eine ZupfTechnik, die „Flat-Picking“ heisst und einst von Doc Watson bekannt gemacht wurde. Pranges intensive Beschäftigung damit führte schließlich zum „Doc Watson Dream“. Der Liedtext ist im Übrigen eine Ansammlung wahrer Begebenheiten aus dem seltsamen Leben des Stefan Prange. Wie es am Ende weitergeht mit The Green Apple Sea? Stefan Prange möchte einmal auf dem Rolling Stone Weekender auftreten, einmal bei „NPR first listen“ gelistet werden, eine halbwegs okaye Besprechung im Mojo-Magazin kriegen und eine „KEXP Live Session“ einspielen. First we take the Fußballplatz then we take the Weissenhäuser Strand. Das sollte doch alles zu schaffen sein!
ndern der Storch ist im Anflug, endlich mal ein guter Grund zum Warten.

Veranstalter: Cafe Kaya e.V. im Künstlerhaus

Kantine
Königstraße / Königstormauer 93
90402 Nürnberg

Eintrittspreise:
Eintritt: 14 € Preis: Im VVK 14,- zuzügl. Servicegebühr

Eintritt: 18 € Abendkasse

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