80 Jahre Kriegsende: Gedenken mit Gegenwartsbezug in den Museen der Stadt Nürnberg
Herr Eser, 80 Jahre – das ist eine ungewöhnliche Jahreszahl für eine Veranstaltungsreihe. Warum erinnern die Museen der Stadt jetzt an das Kriegsende?
80 Jahre, das ist in der Tat nicht so "rund" wie 75 Jahre oder 100, aber 80 Jahre spielen eine Rolle. Angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung ist es die längste Phase, in der Menschen sich an eigene Erlebnisse erinnern können. Was uns bewegt, ist, dass es Zeitzeugen, die den Krieg noch erlebt haben, naturgemäß nicht mehr lange gibt. Es ist etwas anderes, ob man mit diesen Menschen spricht – oder ob man Fotos aus dieser Zeit anschaut und historische Berichte liest.
War denn Nürnberg mehr als andere Städte betroffen vom Kriegsende und den Kriegsfolgen?
Nürnberg hat, wie viele große deutsche Städte, verheerende Luftangriffe erleben müssen und es sind tausende Menschen gestorben. Und ich spreche hier gar nicht von den Zerstörungen und Kriegsopfern, die deutsche Truppen zu verantworten hatten von Coventry bis Warschau, von Rotterdam bis Stalingrad. Was die Zerstörung der Nürnberger Altstadt betrifft, waren in Hamburg 60 Prozent der Bausubstanz zerstört, in Stuttgart 70 und in Köln 80 Prozent. In Nürnberg gehen wir von 90 Prozent aus. Bei den Angriffen starben 6500 Menschen, Zigtausende verloren das Dach über dem Kopf. Was Nürnberg einzigartig macht, ist die Symbolik: Die Nationalsozialisten bezeichneten Nürnberg als "deutscheste aller deutschen Städte" und sie hielten die Reichsparteitage hier ab. Deshalb war die Zerstörung von Nürnberg ein wichtiges Ziel der Alliierten: Es heißt sogar, die Einnahme der Stadt am 20. April 1945 – Hitlers Geburtstag – sei sehr genau getimt worden.
Was können die Museen dem noch hinzufügen?
Wir wollen die Dynamik aller Ereignisse eines Schicksalsjahres herausarbeiten und in aller Breite darstellen. Was folgt worauf? Nahezu im Wochentakt überschlugen sich 1945 die Ereignisse: von den letzten Kriegswochen bis zur Kapitulation, vom Kriegsende bis zu den Nürnberger Prozessen.
Zur Veranstaltungsreihe trägt jedes der städtischen Museen etwas bei. Wie haben Sie das bewerkstelligt?
Jeweils zur Jahresmitte überlegen wir, was im Folgejahr Thema in den Museen sein soll. Die Ideen kommen in der Regel aus den Häusern, in diesem Fall hatte ich das Kriegsende angesprochen. Ich war total überrascht: Binnen weniger Tage kamen Vorschläge unterschiedlichster Art, und es waren alle acht Häuser beteiligt. Sei es mit einer kleinen Ausstellung, einer Podiumsdiskussion, einem Vortrag oder als Open House. Das zeigt mir, das Thema Kriegsende liegt auf dem Tisch.
Sicher auch, weil der Krieg wieder näher gerückt ist: Die Kriege in der Ukraine und in Nahost, der deutsche Verteidigungsminister will die Kriegstüchtigkeit wieder herstellen…
Wir haben 80 Jahre Kriegsfreiheit in Mitteleuropa erlebt. Doch die Verhältnisse haben sich gewandelt und die Betroffenheit ist wieder größer als noch vor wenigen Jahren, als wir das Kriegsende "nur" historisch betrachtet haben. Jetzt ist der Gegenwartsbezug deutlich spürbar.
Beim Thema Krieg, Zerstörung und Nationalsozialismus würde man in erster Linie an das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und das Memorium Nürnberger Prozesse denken. Was haben die anderen Häuser gefunden?
Das Stadtmuseum im Fembo-Haus beispielsweise hat die eigene Hausgeschichte erkundet: Erst seit 1953 gibt es überhaupt ein Stadtmuseum für Nürnberg. Es regte sich damals das Bedürfnis, die Erinnerung an das zerstörte Nürnberg an einem öffentlichen Ort zu bewahren. Oder das Spielzeugmuseum. Es besitzt Objekte, die grotesk wirken, auf den zweiten Blick aber ganz menschlich sind. Kinder haben aus von Bombern abgeworfenen Flugzeugtanks Seifenkisten gebaut. Eine todbringende Waffe wird zu einem Gegenstand, der Freude macht.
Die Broschüre zur Reihe fragt: "Wer wurde für die nationalsozialistischen Verbrechen zur Verantwortung gezogen? Wie tief reichte die Zäsur und wo setzen sich Kontinuitätslinien fort?" Was meinen Sie?
Nach dem Krieg wurde gern, und etwas verharmlosend, von der "Stunde Null" gesprochen, mit ihr setzte tatsächlich ein enormer Wandel in Politik und Gesellschaft ein. Aber wenn wir auf das Verhalten und die Mentalität der Bevölkerung achten, stellen wir fest: In den Köpfen hat es lange gedauert. Beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg gab es 24 Angeklagte, in den Nachfolgeprozessen wurden weitere Akteure des NSSystems zur Verantwortung gezogen. Aber die allermeisten sind relativ ungeschoren davongekommen. Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit war von Verdrängung geprägt: So gab es Proteste gegen die Nürnberger Prozesse, man sah das als "Siegerjustiz".
Lokale Geschichte wechselt in der Reihe mit übergreifenden Themen wie Kriegswirtschaft und Massenkonsum oder dem Hauptkriegsverbrecherprozess ab. Funktioniert die Mischung?
Ja, denn sie spiegelt die Erfahrung von damals. Die Ereignisse von 1945 betrafen die Nürnbergerinnen und Nürnberger im privaten Alltag und persönlichen Überlebenskampf, aber sie sind zugleich auch Weltgeschichte. Die einen haben als Kinder in den Trümmern des Tucherschlosses gespielt, andere sind aus aller Welt nach Nürnberg gekommen, um über die Prozesse zu berichten. Die Stadt bot damals auch ein gewaltiges Forum des internationalen Sich-Kennenlernens. Die Journalisten trafen sich abends im Faberschloss zum Austausch und gründeten die ersten Jazz-Clubs. Auch an der Aufarbeitung der unmenschlichsten Verbrechen waren Menschen mit menschlichen Bedürfnissen wie Freizeit, Freundschaft und Unterhaltung beteiligt.
Haben Sie selbst denn Neues im Programm entdecken können?
Die Seifenkiste kannte ich absolut nicht und auch der History Slam, der im Memorium Nürnberger Prozesse stattfinden wird, ist neu für mich. Es ist eine andere Aufbereitungsform, bei der Geschichte allgemeinverständlich und unterhaltsam erklärt wird. Ich schaue mir das auf jeden Fall an, und ich bin ja neugierig und lernfähig. Interview: Gabriele Koenig
Veranstaltungsreihe 1945 in Nürnberg: Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren bis 23.11.2025 Weitere Infos unter: museen.nuernberg.de
Museen der Stadt Nürnberg
Hirschelgasse 9-11
90403 Nürnberg
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