Siemens’ erste Hörgeräte

Besser hören mit Handtasche

von Ingo Zeller - 7.10.2021

Im Jahre 1878 baut Werner von Siemens ein Telefon mit Hufeisenmagnet und verbessert dadurch die Sprachqualität des Apparates deutlich. Dabei zeigt sich erstmals, dass Schwerhörige ihren Gesprächspartner wesentlich besser verstehen, wenn Sprache elektrisch verstärkt wird. Auf dieser Erkenntnis beruht die Entwicklung des ersten Hörgeräts in der Geschichte des Unternehmens.

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Beim Phonophor für Damen sind Mikrofon und Batterie in einer Handtasche untergebracht (1914).

Berlin im Sommer 1911: Direktor Carl Kloenne von der Deutschen Bank hört schlecht und wünscht sich einen elektrischen Hörapparat. Sein Freund, Professor August Raps, ist der Leiter eines Siemens-Werks im Berliner Stadtteil Siemensstadt, in dem zu dieser Zeit Fernmeldeapparate gefertigt werden. Raps beauftragt seinen Assistenten Louis Weber, ein hilfreiches Gerät für den stark schwerhörigen Kloenne herzustellen.

Weber forscht für Siemens an der Verbesserung von Lautsprechern und Mikrofonen für Fernmeldeanlagen. Als er 1911 mit der Entwicklung seines „Schwerhörigenapparats“ beginnt, sind bereits elektrische Hörhilfen von anderen Herstellern auf dem Markt, die jedoch sehr groß und damit schwer und auffallend sind. Weber achtet bei seiner Konstruktion darum nicht nur auf die verbesserte Tonqualität; das Gerät sollte „auch möglichst klein sein, dass es den Hörenden recht wenig belästigte“.

Nach zahlreichen Versuchen gelingt es Weber, ein besonders empfindliches Körnermikrofon herzustellen, das er als Doppelmikrofon mit einem kleinen Hörer und einer Drei-Volt-Batterie zu einem „Schwerhörigenapparat“ zusammenbaut. Er geht mit seinem Gerät zu Direktor Kloenne, um ihm „nach anderen vergeblichen Versuchen [...] mit diesem Apparat zu helfen. Doch wieder vergeblich.“

Daraufhin unternimmt Louis Weber „einen letzten verzweifelten Versuch“: Er lässt einen Doppelkopfhörer statt des vorher verwendeten Einzelhörers anfertigen und macht sich erneut auf den Weg zu Kloenne. Als der Geheimrat den Doppelhörer sieht, meint er, ein Versuch wäre zwecklos, da er auf einem Ohr völlig taub sei. Weber kann ihn schließlich doch überreden, den Apparat auszuprobieren, und „siehe da, Geheimrat Kloenne konnte jetzt auch auf dem angeblich tauben Ohr mithören und machte ein zufriedenes Gesicht über den Erfolg“. Später notiert Weber: „Ich erinnere mich gern des Tages, als mir Geheimrat Kloenne freudig bewegt erzählte, dass er mit Hilfe des neuen Hörapparats wieder seit langer Zeit an einer Gesellschaft teilnehmen konnte.“

Nach Webers erfolgreicher Entwicklung beschließt Siemens & Halske, Hörhilfen unter dem Namen Esha-Phonophor zu vertreiben. „Esha“– gesprochen „es-ha“ – steht für S&H, der damals gängigen Abkürzung des Firmennamens. Als das Gerät Ende 1913 auf den Markt kommt, ist es in mehreren Varianten zu haben. Darunter gibt es auch eine spezielle Ausführung für Damen, bei der Mikrofon und Batterie in einer Handtasche untergebracht sind. Eine andere Version in Form einer damals beliebten Klappkamera kann wie diese unauffällig an einem Ledergürtel getragen werden. Zudem kann der Schwerhörige von Anfang an zwischen einfachem, doppeltem oder gar vierfachem Mikrofon wählen – je nach Grad der Schwerhörigkeit.

Die von Weber entwickelte Technik ist noch lange Zeit in Gebrauch, freilich in überarbeiteter Form mit besseren Werkstoffen. Er entwickelt ein Jahr nach dem Phonophor ein kleines, von ihm selbst als „Ohrtelefon“ bezeichnetes Gerät, das als Hörer für die Telefonistinnen in Fernsprechämtern eingesetzt wird. Dieser aufgrund seiner Form auch „Haselnuss“ genannte Ohrhörer sieht modernen In-Ear-Kopfhörern sehr ähnlich und hat eine mit tierischer Trommelfellhaut bespannte Membran. Siemens bietet den Ohrhörer wenig später auch in neueren Baureihen der Phonophore als alternativen Hörer an. Nachdem Mitarbeiter von Siemens & Halske 1922 von Wilhelm Conrad Röntgens zunehmender Schwerhörigkeit erfahren hatten, schenkten sie dem Entdecker der Röntgenstrahlen 1922 eines der neuen Modelle.

Siemens Healthineers stellt heute keine Hörgeräte mehr her, doch im MedMuseum ist einer der Ausstellungsbereiche der Geschichte der Hörgeräte des Hauses Siemens gewidmet: Der Besucher erfährt unter anderem von den ersten kleinen Geräten, die hinter dem Ohr getragen werden konnten, von den beliebten Hörbrillen der 1960er Jahre und den beeindruckenden Entwicklungen der späteren Zeit.

Seit einigen Monaten führen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch virtuell durch die Ausstellung. Die virtuelle Führung kann auf der Webseite des MedMuseums ganz individuell gestaltet werden, und bietet spannende Einblicke in die Geschichte von Siemens Healthineers – von der Firmengründung über die Konstruktion der ersten Röntgengeräte bis hin zur Entwicklung bahnbrechender Technologien wie Ultraschall, Computertomographie und Magnetresonanztomographie.

Siemens Healthineers MedMuseum
Gebbertstraße 1
91052 Erlangen
Öffnungszeiten: Mo – Fr 10 – 17 Uhr
Telefon: 09131 84 54 42
medmuseum.siemens-healthineers.com

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