Stammt Wandgemälde im Wiener Dom von Dürer

Kunst-Krimi um Dürer

von Thomas Eser - 3.3.2022

Nürnberg - Über fünf Millionen Touristen besuchen Jahr für Jahr den weltberühmten Stephansdom in der Donaumetropole Wien. Flanieren sie etwa an einem seit Jahrhunderten vergessenen Gemälde Albrecht Dürers vorbei? Diesen Kunst-Krimi erzählt ab 19. Mai das Albrecht-Dürer-Haus.

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Heilige Margaretha (Ausschnitt), unbekannter Wandmaler um 1513/1515, Wien Stephansdom.

Die Nachricht von einem neu entdeckten Wandgemälde Dürers am nördlichen Eingang zum Wiener Stephansdom rauschte kürzlich durch den Blätterwald. Unter einer Schicht aus Schmutz und Ruß, hoch oben an der Innenwand des sogenannten Bischofstors, legten Restauratoren die Bilder zweier Frauen frei, der heiligen Katharina und der heiligen Margaretha. Elegant die Gestalten, in souveränem Strich in den Putz vorgezeichnet, waren sie Vorbereitung für ein großes Gemälde, das später leider kräftig verändert wurde.

Qualität und künstlerische Handschrift dieser Wandzeichnungen erinnern dermaßen an den Zeichenstil von Albrecht Dürer, dass eine Zuschreibung an den bedeutenden Renaissance-Künstler aus Nürnberg plausibel ist. So jedenfalls argumentieren namhafte Fachleute aus Denkmalpflege und Kunstgeschichte. Andere Expertinnen und Experten sind skeptischer: Ein echter Dürer, nur wegen ein paar Strichen? Denn ein Wien-Besuch Dürers, dessen Biografie ja gut erschlossen ist, ist bisher unbekannt. Hat sich wirklich keine einzige Nachricht seines Wirkens im Zentrum habsburgischer Macht erhalten, obwohl er dort ein so öffentliches Kunstwerk schuf?

August Friedrich Siegerts Ölgemälde von 1849 zeigt, frei erfunden, wie Kaiser Maximilian I. Dürer die Leiter hält: Die Macht unterwirft sich so dem Kunstgenie. © Kunstsammlung der Stadt Nürnberg

Nicht zum ersten Mal ist der „Wandmaler“ Dürer ein großes Phantom, das immer wieder Kontroversen weit über Fachkreise hinaus auslöst. Erst vor wenigen Jahren hatten Nürnbergs Bürgerinnen und Bürger gleich in einem Bürgerentscheid über die Rekonstruktion von Dürers Wandgemälden im Großen Rathaussaal abgestimmt. Seit Jahrhunderten beliebt und wirkmächtig sind fiktive Gemäldeszenen vom Wandmaler Dürer, dem sogar Kaiser Maximilian die Leiter gehalten habe: Der Herrscher unten als Gehilfe, der Meister oben als Chef - Politik und Macht, die sich der Kunst unterwerfen.

Die Ausstellung im Albrecht-Dürer-Haus holt nun die aktuelle Debatte um Dürer als Wandmaler heim in sein Nürnberger Wohnhaus. Wer will, kann sie als Kunst-Krimi lesen. Und dies auf gleich drei Etagen. Lebensgroße Reproduktionen führen die neu entdeckten Werke aus Wien vor Augen. Drucke aus Dürers eigener Hand bieten Gelegenheit, die angebliche Ähnlichkeit zu vergleichen. Leihgaben aus den Dürer-Beständen der Wiener Albertina bereichern die Schau.

Zu Wort kommen auch die Kunsttechnologen der Hochschule für Bildende Künste Dresden, die sich mit der Wandmalerei ausgiebig beschäftigt haben. Denn neben Dürers Urheberschaft geht es auch um die Frage, was der Grabstein des 1511 verstorbenen Ritters Hanns Rechwein von Honigstorf inmitten der angeblich Dürerschen Wandmalereien zu suchen hatte. Dieses Epitaph wird als besonders reizvolles Ausstellungsstück exklusiv aus der Wiener Domkirche nach Nürnberg ausgeliehen. Vielleicht entstand die Wandmalerei sogar in Zusammenhang mit der spektakulärsten VIP-Hochzeit dieser Jahre, der „Wiener Doppelhochzeit“ von 1515, bei der sich Österreichs Herrscherhaus mit jenen Böhmens und Ungarns vermählte und so die Grundlage für die spätere Donaumonarchie schuf.

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Albrecht-Dürer-Haus
Albrecht-Dürer-Straße 39
90403 Nürnberg
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 17 Uhr, Sa, So, 10 – 18 Uhr
Telefon: 0911 2 31-25 68
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