Interview mit dem Leiter der Graphischen Sammlung

Vom Mittelalter bis Übermorgen

von Sonja Mißfeldt - 4.3.2022

Nürnberg - Christian Rümelin ist seit Anfang des Jahres der neue Leiter der Graphischen Sammlung des Germanischen Nationalmuseums. Der international gut vernetzte Kunsthistoriker hat bereits in Deutschland, England und der Schweiz gearbeitet, zuletzt leitete er die Graphische Sammlung des Musée d‘art et d‘histoire in Genf.

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Christian Rümelin im Studiensaal der Graphischen Sammlung

Herr Rümelin, was hat Sie bewogen, von Genf nach Nürnberg zu wechseln?

Der Bestand der Genfer Sammlung ist in Größe und Qualität durchaus mit der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums vergleichbar. Aber die Ausrichtung ist eine andere. Der Schwerpunkt in Genf liegt auf Schweizer Künstlern, außerdem auf Werken der bildenden Kunst. Die Nürnberger Sammlung dagegen ist viel breiter aufgestellt und enthält auch zahlreiche Werke der Kulturgeschichte. Das macht ihren besonderen Reiz aus.

Seit Jahren beschäftigen Sie sich intensiv mit graphischen Blättern. Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Über Holzschnitte des 15. und 16. Jahrhunderts habe ich viel gearbeitet, außerdem über Druckgraphik des 18. und 19. Jahrhunderts. Als Präsident der Schweizerischen Graphischen Gesellschaft, in der übrigens auch das GNM Mitglied ist, beschäftige ich mich mit Arbeiten auf Papier aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Im Gremium diskutieren wir über bemerkenswerte, neue Positionen und fördern junge zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Es gibt viele Themen, die mich seit Langem faszinieren, beispielsweise die kulturhistorischen Umstände, unter denen ein Werk entstanden ist: Zeitgenossen waren Bezüge zu historischen Persönlichkeiten oder Ereignissen, im Mittelalter die Bedeutung religiöser Themen meist geläufig. Heute sind sie zum Teil erklärungsbedürftig. Meine Interessen treffen sich zufällig vielfach mit den Forschungsschwerpunkten des GNM – eine glückliche Fügung!

An welchen Ausstellungsprojekten sind Sie beteiligt?

Zwei große Bau- und Sanierungsmaßnahmen werden das Germanische Nationalmuseum in den nächsten Jahren prägen: die Neukonzeption der mittelalterlichen Dauerausstellung und die zum 19. Jahrhundert. Mein Wunsch ist, Arbeiten auf Papier verstärkt in beide Bereiche zu integrieren. Das ist bei lichtempfindlichen Objekten nicht unkompliziert. Es bedeutet, zu bestimmten Themen gleich eine kleine Werkgruppe an Beispielen zusammenzustellen, so dass einzelne Blätter immer wieder gewechselt werden können. Dafür darf ein Thema nicht zu eng gesteckt sein, damit es eine Auswahl gibt. Mit Arbeiten auf Papier befindet man sich in der unbequemen Lage, sie nicht dauerhaft zeigen zu können, dafür in der komfortablen Position, zu Dynamik gezwungen zu sein. Das macht es für das Publikum interessant, es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Ist die Digitalisierung eine Hilfe?

Die Graphische Sammlung des Germanischen Nationalmuseums umfasst rund 300.000 Blätter vom Hochmittelalter bis Übermorgen. Die können Sie nicht alle ausstellen. Mein Hauptanliegen ist, diesen hochkarätigen Bestand dennoch sichtbar zu machen, also zu digitalisieren und im Netz zu publizieren, damit die Werke national und international für Interessierte und die Forschung zugänglich sind. Es ist schon viel passiert, knapp 40.000 Blätter kann man online einsehen. Aber einige der Highlights fehlen noch, beispielsweise Werke aus dem 15. Jahrhundert oder Plakate aus der Zeit um 1900.

Germanisches Nationalmuseum
Kartäusergasse 1
90402 Nürnberg
Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20.30 Uhr
Telefon: 0911 13 31-0
www.gnm.de

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