Ausstellungs-Archiv

Mathilde ter Heijne

16. September bis 14. November 2010
Eröffnung: Mittwoch, 15. September 2010

Die Kunsthalle Nürnberg zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung Installationen, Skulpturen, Fotografien und Videos der niederländischen Künstlerin Mathilde ter Heijne (*1969). Bekannt wurde ter Heijne durch lebensgroße Skulpturen, die ihr durch die Verwendung von Abgüssen ihres Gesichts und ihrer Hände zum Verwechseln ähneln. Diese Repliken treten als Protagonistinnen in ihren Videoarbeiten oder auch als Soundskulpturen auf und ermöglichen der Künstlerin, gesellschaftliche Konflikte auf ihre Stellvertreterinnen zu übertragen und sie zugleich (fast) am eigenen Körper zu erleben.
In vielen ihrer Arbeiten forscht Mathilde ter Heijne danach, was sich nach Jahrhunderten patriarchaler Gesellschaftsstruktur über Frauen und ihre Biografien tradiert hat. So zeigt die Fotoserie der Unknown Woman (2010), der auch das Ausstellungsmotiv einer jungen Frau in niederländischer Tracht entnommen ist, Frauenporträts von den Anfängen der Fotografie bis in die 1920er Jahre. Über das Leben der Unbekannten ist nichts überliefert, jedoch macht Mathilde ter Heijne diese wieder sichtbar, rückt sie aus der Anonymität und stellt damit die Frage nach ihrer individuellen und gesellschaftlichen Identität.
Neben Werken, die Aspekte einer patriarchal geprägten Gesellschaft visualisieren, thematisiert ter Heijne auch alternative Systeme: Wirtschaftssysteme, die nach dem Prinzip des Tauschhandels funktionieren (Give and Take, 2010) oder Schriftsysteme, die auf archaischen Zeichen basieren (Experimental Archeology, 2006/07 oder Red, black, silver and white, 2009). Ein alternatives Gesellschaftssystem zeigt die Künstlerin in der Installation Export Matriarchy (2007), die das Ergebnis einer Reise in den Südosten Chinas ist. Dort lebt die Mosuo Minderheit bis heute in einer matriarchalen Gesellschaftsordnung, die sich in dem zentralen Begegnungsort des Familienclans, dem "Zumu"-Holzhaus, widerspiegelt. Der im Maßstab verkleinerte Nachbau eines originalen "Zumu" aus Kunststoff, repräsentiert für Mathilde ter Heijne die Idee einer matriarchal geprägten Gesellschaftsform.
Die Überblicksausstellung Mathilde ter Heijne. Any Day Now, die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstanden ist, präsentiert eine vielschichtige Werkauswahl aus den letzten 12 Jahren.
Die Ausstellung wird von einem Künstlerbuch begleitet (104 S., dt./engl., Verlag für moderne Kunst Nürnberg). Die Publikation umfasst neben Werkabbildungen und umfangreichem Quellenmaterial von Mathilde ter Heijne geführte Interviews sowie einleitende Texte zu den Themenkomplexen. Ausstellung und Künstlerbuch entstanden in Kooperation mit dem LENTOS Kunstmuseum Linz. Die Ausstellung wird in Linz mit einer individuellen Werkauswahl vom 21. Januar bis 27. März 2011 zu sehen sein.


Double Action, 2010
Performance, konzipiert von Mathilde ter Heijne und Jen Ray

Performer: Rose Merrill, Amor Schumacher, Eliane Krauer, Julie Reinecke, Ulrike Freier
Kostüm: Helen Cho
Musik: Jason Forrest
Hintergrundbild: Lucio Auri
Metallarbeiten: Jürgen Hägele
Assistenz: Markus Fiedler
Courtesy: Wentrup, Berlin

Magie, Hexenkult und heidnische Riten waren in der Vergangenheit vielfach ein "Off-Space" für Frauen, der ihnen den Raum bot, mündlich überliefertes Wissen weiterzugeben. Bei der mit Jen Ray konzipierte Performance Double Action, die bei der Eröffnung der Ausstellung am 15. September 2010 in der Kunsthalle stattfand, geht es um die Effektivität magischer Handlungen und Rituale in der heutigen Zeit.
Das zentrale Handlungselement der fünf Performerinnen ist das Geld, das unsere Gegenwart in vielen Bereichen dominiert. Das Publikum wurde in manchen Aktionen einbezogen, wie beim Money paper currency spell, in dem selbstentworfenes Geld an die Zuschauer verteilt wird. Beim Anti poverty spell war das Publikum durch die Enden der Stoffbänder mit der zentralen Figur auf dem Altar verbunden.
Während der Performance trugen die Beteiligten die Ponchos der Installation Red, Black, Silver and White. Die Ponchos sind mit archaischen Schriften und Symbolen versehen, die dem Träger Schutz versprechen und ihn zu magischen Handlungen befähigen sollen. Die Zeichen und Symbole auf den Ponchos funktionieren als alternatives Schriftsystem und können mit einer an den Ponchos befestigten "Übersetzungskarte" wieder entschlüsselt werden.

Kamera und Schnitt: Patrick Horn