Barbara Probst. Exposures

06. Februar bis 09. Mai 2021

Die fotografischen Bildreihen der seit 2000 entstehenden Exposures von Barbara Probst umfassen Straßenszenen, Close-Ups, Stillleben, Akt-, Studio-, Landschafts- und auch Modeauf­nahmen. Alle Werke verbindet ihr spezifischer Entstehungsprozess: Die Bildreihen der 1964 in München geborenen und in New York lebenden Fotografin negieren die „einäugige“ Sichtweise der Kamera. Ihre teils aus zwei, teils aus bis zu dreizehn Einzelbildern bestehenden Tableaus und Reihen, erfassen einen Augenblick simultan aus verschiedenen Kamerapositionen, die durch einen über Funkwellen gesteuerten Auslösemechanismus verbunden sind. So ergeben sich multiperspektivische Sichtweisen auf eine Situation, die allein durch die Gleichzeitigkeit der Bildentstehung verwoben sind. Die aktuell rund 150 Arbeiten umfassende Werkreihe konterkariert grundlegende Wahrnehmungsparameter: Eine Situation kann der Mensch nur von einem Standpunkt aus erfassen, da er niemals an mehreren Orten zugleich sein kann. Verschiedene Blickwinkel kann er hingegen nur in unterschiedlichen Augenblicken einnehmen, da das Nacheinander eines zeitlichen Ablaufs nie aufgehoben werden kann. Die komplexen Bildreihen der Exposures ermöglichen den Betrachtenden jedoch, eine Situation im selben Moment aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen.

Die Kunsthalle Nürnberg präsentiert eine eindrucksvolle Auswahl aus den Exposures, die sich mit traditionellen fotografischen Genres auseinandersetzen: das Porträt, das Stillleben, die Akt-, Landschafts- und Straßenfotografie, beginnend mit der ersten Arbeit der Werkreihe Exposure #1: N. Y. C., 545 8th Avenue, 01.07.00, 10:37 p.m., die 2000 auf einem New Yorker Hochhausdach entstanden ist. Die Bildreihen reflektieren diese Sujets klug und verbinden sie zugleich mit neuen und individuellen Fragestellungen.

Die Exposures sind nicht narrativ im Sinne einer vorgegebenen Chronologie, dennoch entwickelt sich durch das Verhältnis der Bilder zueinander ein narrativer Prozess in der Imagination des Rezipienten. Da alle Einzelbilder im identischen Moment aufgenommen wurden und es keine zeitliche Abfolge der Motive, kein Davor und kein Danach, gibt, falten sich die Bilder in ihrer Imagination räumlich auf. Die zweidimensionalen Fotografien werden zu dreidimensionalen Bildern eines Augenblicks. Jedes Bild eröffnet einen neuen Einblick in die fotografisch festgehaltene Szene. Unweigerlich konstruiert der Betrachtende eine räumliche Vorstellung des Augenblicks und füllt die Räume zwischen den Einzelbildern, über deren Beschaffenheit die Fotografien ihm keine Auskunft geben, mit seiner Imagination.

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