Geordnete Verhältnisse

Kunst in Kürze: Die Vermessung der Zeit

Mittagskurzführung mit Dr. Harriet Zilch

Di / 9.08.2022 / 12:30 Uhr


Dauer der Kurzführung: 30 Min.


In der Führung spricht Dr. Harriet Zilch über das "Kalenderbuch 92" von Hanne Darboven und die Zeichnungsserie "Vom Mähen zum Frieden" von Alex Müller. Beide Künstlerinnen thematisieren das komplexe Phänomen Zeit und finden eigene Systeme dafür die Zeit zu strukturieren. Das aus 101 Blättern bestehende "Kalenderbuch 92" der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven (*1969 in München; _2009 in Hamburg) zeigt Fotografien der Kalenderseiten, die die Künstlerin mit Termineintragungen, kurzen Notaten und wellenförmigen Schreiblinien füllte, um so das Werden und Vergehen der Zeit sichtbar zu machen.
Die Serie "Vom Mähen zum Frieden" von Alex Müller (*1969 in Düren) erscheint wie ein gezeichnetes Tagebuch über einen Zeitraum von 107 Tagen. Immer ein Blatt im Format DIN A3, immer eine Zeichnung pro Tag. Das erste Blatt "Tag 1 c Mähen" entsteht am Tag der Krebsdiagnose ihres Vaters. Die letzte Zeichnung "Tag 107 c Peace" erfolgt 107 Tage später an seinem Todestag. Dieses für die Künstlerin einschneidende Ereignis fällt in die Zeit, in der sich die Welt und unser Zusammenleben durch Covid-19 verändert. So dokumentiert die Serie auch den Wunsch der Künstlerin, einer als unkontrollierbar empfundenen Situation eine Struktur zu geben.

Die Ausstellung "Geordnete Verhältnisse" in der Kunsthalle Nürnberg mit Werken von Hanne Darboven, Peter Dreher, Toulu Hassani, Erwin Hapke, Alex Müller, Sophia Pompèry versammelt künstlerische Positionen, die in ihren Arbeiten bestehende naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder auch philosophische Welterklärungsmodelle reflektieren oder für ihre Werke Ordnungssysteme selbst definieren. Es entstehen visuelle Metaphern, die neue Perspektiven auf die komplexen Zusammenhänge unserer Welt anbieten und alternative Verweisen, Bezügen und Interdependenzen aufzeigen. Denn der Mensch braucht Gewissheiten und verlässliche Parameter. Er strukturiert, vermisst, schafft Ordnung, sucht Erkenntnis. Unerträglich ist für ihn der Gedanke, die Welt nicht erklären und damit letztlich auch nicht kontrollieren zu können. So versucht er, das Weltgeschehen in erklärbare Modelle zu übersetzen, da in einem geordneten Kosmos für unkontrollierbare Zufälligkeiten kein Platz zu sein scheint. Jedoch sind diese vom Menschen erschaffenen Ordnungssysteme stets gesellschaftliche Vereinbarungen, die sich tradiert und etabliert haben, die jedoch per se artifiziell sind und somit immer auch anders aussehen könnten. Denn jede Gesellschaft schafft sich die Welterklärungsmodelle, die ihren Bedürfnissen und Ansprüchen, ihrer Kultur und Religion, ihren Werten und Machtverhält­nissen entsprechen.

Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Straße 32
90402 Nürnberg
http://kunsthalle.nuernberg.de

Eintrittspreise:
Eintritt: 5 € Eintritt, Führung kostenlos

Eintritt: 2,50 € erm. Eintritt, Führung kostenlos

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