Drei Fragen an Susanna Curtis zu "Madame Bovary, it's me too"

Am 30. Januar ist die neue Premiere!

Susanna Curtis, geboren 1964 in London, aufgewachsen in Glasgow und seit 1995 wohnhaft in Nürnberg, präsentiert seit 1998 mit ihrer Compagnie "Curtis & co - dance affairs" eigene Tanz- und Tanztheaterproduktionen im Großraum Nürnberg sowie auf Festspielen im In- und Ausland. Im Vorstand der Tanzzentrale Nürnberg setzt sie sich zudem für den zeitgenössischen Tanz in der Region Nürnberg ein. Ergänzend zu ihrer Bühnenarbeit ist sie seit 2005 als Klinikclown bei Klinik Clowns Bayern e.V. engagiert. Am 30. Januar feiert ihr neuestes Stück "Madame Bovary, it's me too", das sich mit einer Neubearbeitung des Romans Madame Bovary von Flaubert befasst, in der Tafelhalle seine Uraufführung. Wir haben die Gelegenheit genutzt und ihr drei Fragen zu ihrem Stück gestellt.

1. Du befasst dich in deiner neuen Premiere mit dem Stoff von Flauberts Roman "Madame Bovary". Dieser Roman ist heutzutage leider nicht mehr allen Menschen geläufig. Könntest du kurz zusammenfassen, was den Roman aus deiner Sicht ausmacht und welche Themen du dir für deine Inszenierung ausgesucht hast?

Ich befinde mich gerade in der Probenphase und entdecke jeden Tag eine neue Seite von Flaubert und eine neuen Aspekt des Romans. Dieses Meisterwerk von Flaubert ist einfach so umwerfend vollgeladen, dass ich nicht weiß, ob ich dem gerecht werden kann. Aber ich versuche es mit Leidenschaft. Man kann das Geschehen kurz zusammenfassen: die verträumte Bauerstochter Emma heiratet den medizinischen Offizier Charles Bovary in der Hoffnung damit eine höhere gesellschaftliche Position zu erreichen. Bald aber entpuppt sich Charles als langweiliger Pedant und Emma stürzt sich in zwei romantischen, aber gleichzeitig erbärmlichen Affären. Am Ende hat sie durch ihre exzessive Kauflust auch noch ihre Familie finanziell ruiniert. Ein erniedrigender Tod bleibt als Ausweg auf der Suche nach Erlösung.

In meiner Inszenierung beschäftige ich mich mit dem Thema des „Nichts“ und der Langeweile, das im Emmas Leben herrscht. Das ist nicht so einfach in einem Theaterstück, das für die Zuschauer spannend sein soll, aber ich hoffe, wir finden den richtigen Weg. Ich will Emmas Unzufriedenheit und ihre Sehnsucht nach was Besserem hervorheben und diese Charakteristiken mit der Selbstoptimierungswahn der heutigen „Social Media Society“ vergleichen. Das sexuelle Verhalten von damals und heute wird auch unter der Lupe genommen. Was hat sich verändert? Wo bleiben die Tabus? Wie steht es mit der Emanzipation? Auf eine parallele Ebene beschäftige ich mich mit Flauberts Schreibstil – der Walzer kam Mitte des 19. Jahrhunderts gerade in Mode und dessen Dreierrhythmus ist im „Madame Bovary“ klar zu erkennen. Das ist wie ein stilistisches Echo der Hauptthemen der Narrative – Erwartung, Höhepunkt, weicher Abklang mit Enttäuschung und bitterem Nachgeschmack.

2. Dein Titel "Madame Bovary, it's me too" ist eine bewusste Anspielung auf die #metoo-Bewegung und den berühmten Ausspruch von Flaubert "Madame Bovary, c'est moi" (Madame Bovary bin ich). Du meinst, dass in Jeder*m von uns eine Madame Bovary steckt. Inwiefern?

Flaubert antwortete, als ihm gefragt wurde, wer als Inspiration für die Figur der Emma Bovary diente, "Madame Bovary, c'est moi". Sicher war sehr viel von seinen innersten Gedanken und seiner Gefühlswelt in den Charakter der Emma versteckt. Literaturwissenschaftler vermuten auch, dass Flaubert bisexuelle Tendenzen hatte, auch wenn er sie in Frankreich des 19. Jahrhunderts kaum ausleben konnte.

Emma Bovary ist eine junge Frau, die sich nach einem besseren, erfüllteren und glücklicherem Leben sehnt. Für sie geht es vor allem um eine Sehnsucht nach romantischer Liebe und einer besseren Position in der Gesellschaft, aber haben wir nicht alle unsere persönliche Sehnsüchte und Träume? Wahrscheinlich würde die Welt nicht funktionieren, wenn das nicht so wäre. Vor allem in der heutigen Zeit sind aber viele Menschen von einer Selbstoptimierungswahn schier besessen, präsentieren sich auf Social Media als glücklicher, erfolgreicher und wohlhabender, als sie in der Realität sind und lassen sich leicht  mit dem Gefühl verunsichern, dass das Leben der anderen das Bessere ist. Auf dieser Art und Weise ist jede/r von uns, mehr oder weniger, ein bisschen Bovary und kann sich mit der Figur der Emma identifizieren.

3.  Um nochmal auf den anderen Teil des Wortspiels zu sprechen zu kommen: Das Stück befasst sich auch mit der #metoo-Bewegung, die ja gerade am Abflauen ist. Warum ist es dir trotzdem wichtig, sie zu thematisieren und wie verbindest du sie mit der Welt von Emma Bovary?

Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass die #metoo Bewegung am Abflauen ist. Vielleicht ist die große Welle erstmal vorbei, aber fast jeden Tag höre und lese ich in den Medien von aktuellen #metoo Fällen. Die Gerichtsverhandlung mit Harvey Weinstein fängt gerade in den Tagen, wo wir in den Endproben stecken, an. Und ich finde es wichtig, dass es als Diskussionsthema nicht einfach als kurzlebige Modeerscheinung verschwindet. Bei #metoo geht es um einen (sexuellen) Missbrauch von jemanden in einer Machtposition und das kann Mann oder Frau sei. Als Frau der niederen Mittelschicht in Frankreich des 19. Jahrhunderts ist Emma Bovary von akzeptierten gesellschaftlichen Formen und Verhaltensmustern umzingelt. Sie beklagt ihre Situation mit der Anmerkung, dass Männer im Gegensatz zu Frauen frei sind. Im Roman wird Emma immer wieder von Männern ausgenutzt, auch in sexueller Hinsicht. Am Schluss dreht sie aber den Spieß um und wird selber zum „Predator“. In der Produktion versuchen wir diese Positionen im modernen Kontext zu stellen und eine Haltung dazu einzunehmen.

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