»Der gekrümmte Raum«

07.07.1994 - 31.07.1994

»Der gekrümmte Raum«

»Alles ist bereits erschaffen. Was wir können, ist lediglich, etwas noch nicht Gefundenes zu finden. Darum habe ich mit der künstlerischen Arbeit begonnen. Ich hänge Steine auf. Meine Absicht bei der Arbeit ist, möglichst wenig hinzuzufügen.«

Diese Worte Hiroshi Egamis, bezogen auf seine schwebenden Steinchen, charakterisieren auch eine verbreitete Haltung in der Bildhauerei Japans, lassen sich übertragen auf Objekte, Skulpturen seiner Kollegen.

Shigeru Moroizumi glaubt, daß Kunst im Augenblick nötiger sei denn je. Nachdem die Kunst scheinbar jedes Thema besetzt hat, jedes Material auf seine spezifischen Eigenschaften abgehorcht hat, nachdem nichts mehr möglich schien, öffnen sich nun wieder Horizonte. Eine neue Freiheit ist möglich.

Der Raum um uns herum ist gekrümmt. Gekrümmter Raum ist ein Pleonasmus. Selbst da, wo strenge Geometrie vorherrscht, herrscht das bekannte Prinzip. Hitoshi Sadanari Fujimoto stellt vorgeblich konträr zur Natur geometrische Formen. Er sucht die energetischen Spannungen unterschiedlicher Formen, gewissermaßen den versteckten Rhythmus, der allem Sein als Grundton unterliegt. Zieht er freihändig eine Linie, dann krümmt sie sich. Der Raum formt sich analog zu dieser Bewegung. Er ist diese Bewegung selbst. Also erlebt Fujimoto den Raum kreisförmig, die Segmente können aber auch Dreieck oder Ouadrat sein. Im Gespräch mit ihm wird plötzlich klar, daß der Begriff Konzept nur ein neutrales Synonym für Spiritualismus ist. Eine kraftvolle Form muß zugleich einfach und autonom, besonders und grundsätzlich sein. Im Ouadrat sieht er solch eine Form, eine von unbeschränkter Freiheit. Klebeband segmentiert Ouadrate, darübergespannter Draht krümmt sich, spannt Raum auf. Mehr oder weniger kleine, gedachte Kuben ergeben sich.

Die ausgedehnte Stille, die solcher Arbeit innewohnt, findet sich ähnlich in den fast 1000 Thermometern Shigeru Moroizumis. Jeder Mensch, jede Pflanze ist eine Art von Thermometer. Reagieren heißt messen, messen heißt erkennen. Und jede Annäherung, jede Berührung verändert die Temperatur. Die Farbe Rot steht für das Leben, für das Blut, für den Menschen. Moroizumi verändert möglichst wenig, da gleicht er Egami.

Früher suchte er ein Ja oder ein Nein. Doch Kommunikation funktioniert nicht in dieser Ausschließlichkeit. Der Zuschauer ist genauso wichtig wie der Künstler, ihre Meinungen über ein Kunstwerk müssen sich nicht decken, erst zusammen ergeben sie ein Sprechen. Ein Thermometer kennt kein Ja oder Nein, oder vielmehr doch - als sein eigenes Ende.

Die Freiheit der Geometrie nutzen aber auch Satoshi Kamo und Satoru Sato. Während Sato die Materialien Stein, Stahl und Gummi, jeweils tonnenförmig, aufhebt in quadratischen Türmen aus gehobelten und ungehobelten Holzlatten, somit gleichermaßen anspielt auf die Quadratur des Kreises wie die Situierung bzw. Rahmung einer Skulptur, sie also imaginär rückbindet in die Zweidimensionalität und einen Filter einschaltet konträr zur Unmittelbarkeit des (dreidimensionalen) Materials, hat Satoshi Kamo nach einer Krise, in der er seine figürliche Plastik in Frage stellte, die Linie entdeckt. Diese Entdeckung war nur möglich durch die Begegnung mit europäischer Kunst und mit der Minimal Art. Kamo entscheidet sich ebenfalls nicht für ein einziges Ja oder ein einziges Nein. Weder will er lediglich abstrahieren von der Form der Natur, denn auch die verborgenen Seiten sind ihm wichtig - ebenso groß wie die Krone eines Baumes ist sein Wurzelgeflecht. Noch will er lediglich die abstrakte Form finden. Tradition ist nicht mehr entscheidend. Da trifft er sich wiederum mit Kenji Yanagi, dem an einer universellen Formensprache gelegen ist. Kamos Werke erinnern an die Vorstellung japanischer Gartenarchitektur. Vor allem, wenn man sehen kann, wie er die Stahlstäbe in einem Steinfeld ohne Fixierung plaziert oder aus freifallenden, handgebogenen Drahtstücken organisch anmutende Gebilde wachsen läßt.

Yanagi inszeniert die Raumveränderung. Das Moment der Überraschung ist kalkuliert wie beim Tor eines Shinto-Schreins: Da ist eine Grenze zwischen dem Bereich des Menschen, seinem Alltag und dem Bereich der Naturgottheit. Das bewußte Setzen einer solchen Grenze im Raum holt etwas heraus aus der Natur, doch es hat gleichermaßen Beziehung zur Architektur wie zur Natur, es kennt eigentlich keine Beschränkung in der Beziehung, sondern plädiert für Offenheit, Erlebnisfähigkeit. Yanagi arbeitet an einer in der Wiederholbarkeit und Nachvollziehbarkeit objektiven Selbsterfahrung, er organisiert den Raum rhythmisch.

Takamitsu Kido schafift aufwendige Installationen, die mit Präsenz und gleichzeitig mit Zartheit beeindrucken. Auf fließende Prozesse wird angespielt, sie werden seit Jahren auch durchexerziert: Ob in einem Wasserbecken ein amorpher Wachsbrocken schwimmt oder das Wachs eine filigrane Eisenform ähnlich einer erstarrten Lavamasse ausfüllt, ob einem Stahlring (240 x 30 cm) ein weicher Latexring ähnlicher Dimension korrespondiert ob aus Vinyl oder aus geklebten Steinbrocken das Thema »Extent of a Spot« gezeigt wird (also auch hier Ausdehnung und Zusammenziehung als Lebensprozesse wie bei Moroizumis Thermometern oder den, die umgebende Luft fühlbar machenden, an Baumwollfäden abgehängten Steinchen Egamis, die reglos schwingen), ob bei raumgreifenden Arbeiten aus freistehendem, mit Wasserglas und CO2 gehärtetem Sand (woraus aber auch Kleinskulpturen entstehen) oder der 1991er Arbeit »Gas« aus gedrilltem Eisen, das gleich einem Gestrüpp in den Museumssaal hineinwucherte, oder der im KUNSTHAUS gezeigten Arbeit aus 2,5 Tonnen Sand, die eine Kindheitserinnerung am Strand beschwört, alle Installationen und Skulpturen sind trotz ihrer Größe und gerade aufgrund ihrer »Fremdheit« Liebeserklärungen an das Leben. Alles ist wieder möglich geworden.

Schwingung Bewegung, Finden statt Erschaften, Extension und Intension, Raum- und Umweltbezogenheit statt Monumentalität, Oftenheit statt Hermetik, natürliche Farbigkeit und das Bewußtsein einer verbindenden Kategorie von Raum, Freiheit anstelle der aktuellen westlichen Gebanntheit durch die schier erdrückende Geschichte der zeitgenössischen Kunst (die zu oftmals banalen Ready-mades führt, die immer und immer wieder den Prozeß des Kunstmachens »hinterfragen«), diese Begrifflichkeiten machen das Wesen aktueller japanischer Skulptur und Bildhauerei der hier präsentierten Künstler aus. In den Worten Hiroshi Egamis:

»Die Menschen, ebenso wie meine kleinen Steine, schweben und schwanken in der Luft. Sie sind sehr unsicher. Aber wir Menschen sind herrlich.«

Text von Hans-Peter Miksch

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