Béla Tarr in memoriam

25.4. bis 17.5.2026

 

Seine erste Berufung war nicht das Kino, sondern die Philosophie. Weil die ungarische Regierung zu realsozialistischen Zeiten den diesen Januar im Alter von 70 Jahren verstorbenen Béla Tarr nicht zum Universitätsstudium zuließ, goss er seine Gedanken stattdessen in Filmbilder, die ganze Generationen von Kinogänger*innen nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zwischen 1979 und 2011 entstanden insgesamt neun Lang- bis Sehrlangfilme fürs Kino, von denen das Filmhaus im April und Mai fünf zeigt – darunter Schlüsselwerke wie SATANSTANGO und DAS TURINER PFERD.

 

 

Den Anfang machen Ende April zwei Filme, in denen Tarr mit einer weiteren zentralen Figur der ungarischen Kulturszene zusammenarbeitete: Die Drehbücher sowohl zu VERDAMMNIS als auch zu DIE WERCKMEISTERSCHEN HARMONIEN verfasste Tarr gemeinsam mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai, der letztes Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Zu seinen weiteren zentralen kreativen Weggefährt*innen zählen die Schnittmeisterin Ágnes Hranitzky, der Komponist Mihály Víg sowie der ebenfalls als Regisseur tätige deutsche Kameramann Fred Kelemen.

Tarrs Werk hat das Kino der erweiterten Gegenwart so stark geprägt wie kaum ein zweites. Sein gleichzeitig minimalistischer und wuchtig-epischer Stil bleibt einerseits fast obsessiv dem vorgefundenen realen Raum und auch der realen, mit Vorliebe „ungeschnitten“ in teils mehrere Minuten langen Einstellungen eingefangenen Zeit verpflichtet; andererseits erschaffen seine filmischen Arbeiten in ihrer strengen, exakten Kadrierung und der teils fast expressionistischen Stilisierung ihrer Schwarzweißbilder eine eigene, rein filmische Realität. Bevölkert werden seine – von einer pessimistischen Weltsicht, aber auch von viel schwarzem Humor geprägten – Filme mit Vorliebe von knorrigen, widerborstigen Figuren, die gar nicht daran denken, sich geschmeidig in den Lauf der modernen Welt zu fügen.

Bewundert von so unterschiedlichen Filmemachern wie Gus Van Sant, Pedro Costa oder Apichatpong Weerasethakul, lag Tarr zeitlebens die Ausbildung des filmischen Nachwuchses am Herzen. Nach Lehrtätigkeiten unter anderem an der Berliner DFFB gründete er 2012 in Sarajevo seine eigene experimentelle Filmschule film.factory. Sein erklärtes Ziel war dabei stets, angehende Filmemacher*innen dazu zu bringen, „ihre kreative Kraft für die Verteidigung der Würde des Menschen“ zu nutzen.

Die Reihe im Filmhaus, die fünf Schlüsselwerke Tarrs im originalen 35-mm-Filmformat präsentiert, wird von Einführungen und Filmgesprächen begleitet. Mit Dank an Joachim von Vietinghoff, die Deutsche Kinemathek und das Arsenal Filminstitut.

Szenenbild aus dem Film VERDAMMNIS
Béla Tarr In Memoriam

Verdammnis
Einführung: Lukas Foerster

Sa / 25.04.2026 / 19:30 Uhr Icon mehrsprachig
Szenenbild aus dem Film DIE WERCKMEISTERSCHEN HARMONIEN
Béla Tarr In Memoriam

Die Werckmeisterschen Harmonien
Zu Gast: Lars Rudolph

So / 26.04.2026 / 17:00 Uhr Icon mehrsprachig