Sebastian Eilers

Sebastian Eilers (*1970) ist Gründer des SETanztheaters Nürnberg. Nach seinem Studium war er mehrere Jahre als Balletttänzer an zahlreichen Bühnen und in Theatercompagnien bundesweit engagiert. Seit 2004 lebt er als freischaffender Choreograf, Regisseur und Tänzer in Nürnberg. Zusammen mit regionalen und internationalen Tänzer*innen und Künstler*innen verschiedener Kunstsparten entstehen mit SETanztheater spartenübergreifende Stücke im Genre des Choreografischen Theaters. Von 2016 bis 2018 erhielt das von ihm künstlerisch geleitete SETanztheater die „Doppelpass"-Förderung der Kulturstiftung des Bundes. Als Tanzcompagnie in Residenz arbeitete er mit seinem Ensemble für zwei Jahre mit dem Stadttheater Ingolstadt zusammen und es entstanden mehrere spartenübergreifende und gefeierte Tanzproduktionen.

Im Gespräch mit Sebastian Eilers

Ausgesprochen selten geschieht es mittlerweile, dass man sich direkt beim ersten Treffen persönlich begegnet und von Angesicht zu Angesicht miteinander spricht, ohne sich digitaler Hilfsmittel zu bedienen. Sebastian Eilers allerdings saß ich wahrhaftig im Filmhauscafé des KunstKulturQuartiers, einem beliebten Treffpunkt der freien Szene Nürnbergs, an einem Tisch gegenüber. Normalerweise geht es dort ziemlich ruhig zu, vor allem, wenn das Café geschlossen hat. Als unser Gespräch stattfand, entschied sich Nürnberg jedoch dazu, verhältnismäßig viel Lärm zu veranstalten. Wir nahmen das Sirenengeheul, Gekicher und den Umbaulärm mit Humor und tauschten uns darüber aus, weshalb digitale Formate die Präsenzveranstaltung nicht ersetzen sollten, welchen Einfluss Corona auf seine Projekte hatten und was in der Krise vielleicht zu kurz kam.

Sebastian Eilers ist eigentlich ausgebildeter Balletttänzer, unter seiner Künstlermarke SETanztheater Nürnberg widmet er sich mittlerweile aber vor allem der Regie und der Choreographie. Nebenher übernimmt er immer wieder Lehraufträge und gibt Workshops. Seit 2004 ist er in Nürnberg und fand in der Tafelhalle einen Kooperationspartner, der „eine sehr gute Theaterstruktur bietet“. Eilers scheut keine Experimente, das Digitale ist ihm nicht fremd, an den Vorgängen im Theaterbetrieb, die durch Corona in Gang gesetzt wurden, hat er aber etwas zu bemängeln.

Die Digitalisierung durch Corona als blinder Aktionismus?

Corona hat gewohnte Strukturen verändert, das kann niemand mehr leugnen. Bewährte Gewohnheiten wurden infrage gestellt: Sinkt die Produktivität des Individuums durch Home-Office? Kann die digitale Begegnung reale soziale Kontakte ersetzen? Ist Ihr Beruf systemrelevant? Wird die Zukunft des Theaters digital sein?

Die Pandemie gilt in vielen Bereichen bereits jetzt als Zäsur. Die Politik nutzte diesen Moment, um Kunstschaffenden einen inoffiziellen Auftrag zu erteilen: Werdet digital. Durch diverse Förderprogramme wird dieser Vorgang unterstützt. Eilers bezeichnet diese Forderung als geradezu paradox, da in der Theaterbranche bereits seit vielen Jahren mit Neuen Medien geforscht wird. Das beziehe sich nicht nur auf das Geschehen auf der Bühne, sondern auch auf Vorgänge jenseits der Vorstellung, wenn beispielsweise die Zielgruppe im Vorhinein per Social-Media-Befragung in die Thematik miteinbezogen wird. Eilers ist der Überzeugung, dass es zwar langsamer vonstattenging, aber bereits vor Corona geschah. „Alles, was analog und vor 2020 stattfand, jetzt als ‚oldfashioned‘ zu betiteln, das finde ich auch übertriebenen Aktionismus“, sagt er.

„Überforderung gehört zur Digitalisierung ein Stück weit auch dazu“ – Oder?

Vor allem junge Künstler, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben und für die der Dialog mit dem Publikum oftmals eine wichtige Motivation darstellt, ihren Beruf überhaupt ausüben zu wollen, fehlt der reale Austausch. „Die Kommunikation zwischen den Darstellenden und den Rezipienten findet nun in anderen, digitalen Räumen statt aber als Balletttänzer weiß ich auch, was gefühlstechnisch bei einem ankommen kann“. Nach der Premiere von ‚trafffiXX‘, das im Rahmen des 22. Internationalen Figurentheaterfestivals aufgeführt wurde, führte Eilers eine kurze Befragung durch. Ihn interessierte sowohl die Meinung des Publikums als auch der Darsteller. Das Projekt fand gleichermaßen digital als auch analog statt: Ein Musikertrio sowie eine Solotänzerin befanden sich vor Ort und führten ihre Performance vor Live-Publikum vor, während hingegen drei weitere Tänzer:innen via Zoom ihre Choreographie präsentierten. Die Meinungen dazu waren vielseitig. Einer der Darstellenden konnte sich für den Vorteil begeistern, dass durch die fehlende Reise nach Nürnberg Zeit frei wurde, die für kreative Prozesse genutzt werden konnte. Worunter eine andere Darstellerin hingegen gelitten habe, wäre die fehlende Ensemble-Bildung gewesen, ein Kennenlernen hätte nur über Zoom stattgefunden und das Soziale habe ihr schmerzlich gefehlt. Das Publikum war sich einig – die Mischung aus analog und digital sei spannend gewesen, aber das Geschehen auf zwei Ebenen zu beobachten, hätte sie ehrlicherweise überfordert. Eilers hält fest: „Das war aber auch Absicht. Wir wollten mit diesem Projekt eine Momentaufnahme liefern und Überforderung gehört zur Digitalisierung ein Stück weit auch dazu.“

Im Dezember gibt es übrigens eine XL-Variante des Stücks in der Tafelhalle zu bestaunen, dieses trägt dann allerdings den Namen ‚traffic‘. Das Projekt sei noch nicht abgeschlossen, das hätten Eilers und sein Team danach gemerkt. Falls eine kleine, bewusst geplante Überforderung Sie nicht allzu sehr aus dem Konzept bringt, wäre das Stück allemal einen Besuch wert. Meinen Sie nicht?

Haben Sie Bedenken?

Gegen Ende unseres Gesprächs mutmaßten wir über die Zukunft des Theaters, über ein Theater nach Corona. „Die Frage, was sich verändert hat, stellen wir hier zu früh. Zuerst geht es einmal darum, überhaupt einen ungezwungenen Theaterbesuch wieder zu ermöglichen“, meint Eilers. Zwar wäre es derzeit wieder möglich, einer Vorstellung in verringerter Besucherzahl beizuwohnen, doch das Publikum sei vorsichtiger geworden. Eilers liebt es aber nach wie vor „analog Kontakt zum Publikum aufzunehmen“ und ist zuversichtlich, dass dieses wiederum auch den Kontakt zu den Künstlern erneut suchen wird.

Während Corona habe Eilers aber auch feststellen müssen, dass sich bereits etwas geändert habe. Wenn er heute Anträge stellt, um Fördergelder für ein Projekt zu erhalten, so hat er das Gefühl, dass vor allem die neue Generation mit großer Begeisterung angenommen wird. Auch als etablierter Künstler hat er Bedenken: „Was bedeutet das für mich als nicht mehr junger Künstler? Ist Corona vielleicht ein gewaltsam herbeigeführter Generationswechsel?“

Und einen weiteren Punkt gibt Eilers zu bedenken. Während der Corona-Lockdowns fanden viele Aufführungen digital statt, eine direkte Reaktion des Publikums konnte man nicht beobachten, der direkte Austausch mit den Rezipienten fand nicht im gewohnten Rahmen statt. Das Feedback war schlichtweg oft nicht vorhanden. Mehr denn je waren Kunstschaffende auf Fördergelder angewiesen, um Projekte auf die Beine zu stellen. Ausgewählte Gremien und Juroren entschieden darüber, welche Stücke es wert sind, umgesetzt zu werden und welche nicht. Durch die fehlende Resonanz des Publikums bestimmte eine ausgewählte Elite über den Wert eines jeden Kunstwerks und beeinflusste damit maßgeblich die Weiterentwicklung der Kunst.

Wir als Publikum haben nun die Verantwortung, uns wieder zur mitbestimmenden Instanz zu entwickeln – vielleicht sieht man sich im Dezember?

(Interview und Text von Franka Potzler, Studentin der Theater- und Medienwissenschaft, FAU Erlangen)