Robert Bresson gab der Kunstform, die von allen anderen Film genannt wurde, den Namen Kinematograph. Er geht auf den ursprünglichen Zauber der Gebrüder Lumière zurück, als die Menschen Bäume sahen und staunten, „weil sich die Blätter bewegen“. Auf der Suche nach einer Wahrhaftigkeit und stilistischen Klarheit reduzierte der französische Regisseur in seinem Werk die erzählerischen Mittel, ließ Körper, Gegenstände, Häuser, Straßen, Bäume, Felder sichtbar sprechen, entdramatisierte die Bilderfolgen, setzte keine Musik zur Begleitung der Szenen ein. Auch das Werk des Regisseurs Thomas Arslan teilt sich auf diese Art und Weise mit, gerinnt durch eine Askese der Expression, die einer ergreifenden Intensität der inneren Bewegung der Figuren entspricht, nachgerade zu einer Schule des Sehens.

FERIEN etwa, sein Film aus dem Jahr 2007, in dem eine Berliner Familie die Ferien im elterlichen Landhaus in der Uckermark verbringt, setzt Menschen, Zeit und Räume in Beziehung, macht Familienstrukturen, Befindlichkeiten im Raum erfahrbar, versetzt neu in Erstaunen, auch weil sich dazwischen Blätter und Ähren ausgedehnt bewegen. Und rauschen. Filme von Bresson und Eustache waren „Augenöffner“ für Thomas Arslan. „Pickpocket“ heißt seine Filmproduktionsfirma in Anlehnung an den Bresson-Film. Seine Vorliebe für eine Ästhetik, seine Kino-Heimat entwickelt er wie Christian Petzold, mit dem er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) studiert, beim gemeinsamen Sehen von Filmen. Überhaupt kam er über das Filme sehen zum Filme machen. Vor allem Filme von Rossellini, Bresson, Godard und Eustache haben ihn tief beeindruckt und geprägt. Und: AUF DAS, WAS WIR LIEBEN (1983) von Maurice Pialat, von dem er gelernt hat, dass dieser scheinbar kunstlose Film eher auf einer Dramaturgie des Lebens als auf einer des Kinos basiert. Das Wirkliche ist nicht dramatisch.

Thomas Arslan wird 1962 als Sohn deutsch-türkischer Eltern in Braunschweig geboren. Er wächst zunächst in Essen auf, geht aber in Ankara in die Grundschule. 1972 kehren die Arslans in das Ruhrgebiet zurück, der spätere Filmemacher legt dort 1982 sein Abitur ab. 1986 schreibt er sich an der West-Berliner dffb für ein Regiestudium ein, das er 1992 abschließt. In Essen entsteht sein Spielfilmdebüt MACH DIE MUSIK LEISER (1994), in dem er bereits mit Laiendarstellern arbeitet. Uraufgeführt im „Panorama“ der Berlinale, zählt er zusammen mit DAS GLÜCK MEINER SCHWESTER (1995) von Angela Schanelec und PILOTINNEN (1995) von Christian Petzold zu den ersten Arbeiten der heute als Begründer der „Berliner Schule“ geltenden Filmemacher. Ihre Filme unterscheiden sich grundlegend von den damals im deutschen Kino vorherrschenden Beziehungskomödien mit ihren harmonisierenden Farb- und Tonmischungen.

Aus GESCHWISTER – KARDEŞLER (1996), der Kreuzberger Jugendliche konsequent aus ihrer Perspektive darstellt, entwickelt Thomas Arslan DEALER (1999) und DER SCHÖNE TAG (2001), drei thematisch unterschiedliche Filme, deren Protagonisten jedoch alle türkische oder türkisch-deutsche Jugendliche der dritten Einwanderer-Generation sind. Die „Berlin-Trilogie“ beschreibt in langen Einstellungen und mit beinahe dokumentarischem Gestus die Jugendlichen mit ihrem Lebensgefühl in ihrem alltäglichen Umfeld. Das Wesen von Thomas Arslans Filmen liegt ebenso sehr in den Begegnungen und Gesprächen wie in den Pausen dazwischen, dem Stillhalten und den Bewegungen von Ort zu Ort. Seine Filme sind antipsychologisch, darum auch geheimnisvoll, spannungsgeladen. Thomas Arslan: „Ein Zuviel an Psychologie liefert zu viele Erklärungen. Es beschneidet das Vorstellungsvermögen.“ Und noch Mal Bresson: „Das Publikum daran gewöhnen, das Ganze zu erahnen, von dem man ihm einen Teil gibt.“

Immer wieder, zuletzt in dem fulminanten Neo-Noir IM SCHATTEN (2010) und dem Western GOLD (2013), beschäftigt sich Thomas Arslan mit Figuren, die in Bewegung, auf der Suche sind. Die Charaktere erzählen uns allerdings nicht ihre Geschichte, sie sind die Geschichte. Indem wir ihnen folgen, gelangen wir über unser vermeintliches Wissen über sie hinaus. Ein Wissen, das sich über die Kunst der Beobachtung, über den Reichtum in kleinen Dingen mitteilt. Für Thomas Arslan, den Beobachter der Bewegungen, gilt ganz besonders die grundlegende Einsicht, dass der Film nicht auf der Leinwand, sondern erst im Kopf des Zuschauers lebendig wird.

Es war uns eine große Freude, den Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Thomas Arslan anlässlich der ihm gewidmeten Werkschau am 18. April 2015 im Filmhaus begrüßen zu dürfen.

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Die „Trojan-Trilogie“ von Thomas Arslan | Teil 2

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