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Dore Meyer-Vax. Engagierte Kunst

Verlag für moderne Kunst 2020, 19 Euro (deutsch)

Hrsg. von Andrea Dippel, mit Texten u.a. von Ewald Arenz, Andrea Dippel, Nora Gomringer, Sabine Weigand und Bernd Zachow, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 13, 216 Seiten

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Die 1908 in Nürnberg geborene Künstlerin Dore Meyer-Vax gehört zu den Künstlern und Künstlerinnen, für die ihr Schaffen mit dem Anspruch verbunden ist, Stellung zu politischen wie gesellschaftlichen Themen zu nehmen. Die Kunstvilla ehrte diese engagierte künstlerische Position mit einer umfassenden Retrospektive anlässlich des 40. Todestags der Künstlerin. Dore Meyer-Vax studierte zunächst bei Rudolf Schiestl (1878 – 1931) und Max Körner (1887 – 1963) an der Staatsschule für Angewandte Kunst in Nürnberg, danach von 1929 bis 1931 bei Emil Rudolf Weiß (1875 – 1942) und Karl Hofer (1878 – 1955) in Berlin. Dort verkehrte sie im Kreis von Felix Nussbaum (1904 – 1944), der sie porträtierte. 1939 kam Meyer-Vax nach Nürnberg zurück, wo sie bis Kriegsende als technische Zeichnerin zwangsverpflichtet wurde. Ihr Mann, der Künstler Walter Meyer, fiel 1942 vor Stalingrad und beider Frühwerk verbrannte bei Luftangriffen. Nach 1945 entstanden eindringliche Bilder, in denen sie das Trauma des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs verarbeitete. Ende der 1960er-Jahre wandte sie sich verstärkt dem Zeitgeschehen zu und schuf ein beeindruckendes Œuvre politischer Grafik zu aktuellen Themen wie dem Vietnamkrieg und der Rassentrennung in den USA. Daneben wurden Mutter-Kind-Szenen ein bevorzugtes Motiv der kinderlos gebliebenen Künstlerin. Außerdem wirkte Dore Meyer-Vax im Bereich Kunst am Bau.

Giorgio Hupfer - Du sollst Dir kein Bild machen

Verlag für moderne Kunst 2017, 128 Seiten, 10 Euro (deutsch)

Hrsg. von Andrea Dippel und Matthias Strobel, mit Texten von Andrea Dippel, Volker Koch und Christian Mückl, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 10, Verlag für moderne Kunst 2017, 128 Seiten, 10 Euro.

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Wie stellt man einen Künstler aus, der sich selbst als Bildkritiker bezeichnet und vergleichsweise wenige bildnerische Werke hinterlassen hat, der den meisten vor allem durch seine Auftritte als Performer und Musiker im Gedächtnis geblieben ist? Die Kunstvilla antwortete auf diese Frage mit der Ausstellung „Du sollst Dir kein Bild machen“, die anlässlich des fünften Todestags des Nürnberger Ausnahmekünstlers Giorgio Hupfer vom 26.10.2017 bis zum 8.4.2018 in der Kunstvilla zu sehen war.
In Archiven als „Person zu neuen Formen der Kunst“ geführt, lässt sich das Schaffen von Giorgio Hupfer (1958 – 2012) nur schwerlich auf einen Nenner bringen. Er selbst bezeichnete seinen Arbeitsansatz als „grundsätzlich inhaltlich“. Für seine „Ideen- und Gedankensysteme“ habe er sich „zahlreiche Möglichkeiten in Wort, Bild und Ton erarbeitet“, hielt Hupfer 2006 fest.
Wie viele Künstler seiner Generation zweifelte Giorgio Hupfer am überlieferten Begriff des Bildes als Bedeutungsträger. Als Meisterschüler und Assistent von Georg Karl Pfahler entwickelte Hupfer indes früh ein Interesse an Farbtheorien und begann zunächst mit großformatigen informellen Leinwänden. Anfang der 1990er-Jahre kam es zu einem Bruch in seinem Schaffen, in dessen Folge Hupfer fast sein gesamtes Frühwerk vernichtete. Der Rest wurde größtenteils überarbeitet, woraus eine schwer zu durchdringende Mehrschichtigkeit entstand. Später konzentrierte sich Hupfer auf monochrom eingefärbte Büttenpapiere, deren Farbbezeichnungen er etwa in Performances erzählerisch assoziierte. Als Zeichner schuf Hupfer an Piranesis Carceri erinnernde GEDÄCHTNISPROTOKOLLE, mit deren ornamentalen Strukturen er das alttestamentarische Bilderverbot umging. Seit den 1980er-Jahren erprobte Hupfer daneben ein Rollenspiel, das ihn verschiedene Identitäten annehmen ließ. Angefangen mit der Umbenennung seines Geburtsnamens Georg in Giorgio über Joe Hopper.

Ernst Weil – Abstraktion in Nürnberg

Verlag für moderne Kunst 2020, 39 Euro (deutsch)

Hrsg. von Andrea Dippel, mit Texten von Günter Braunsberg, Gabriela Dauerer, Andrea Dippel, Christine Kremers, Karl Schawelka und Ernst Weil und einem Werkverzeichnis der Gemälde, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 12, Verlag für moderne Kunst 2020, 192 Seiten, 39 Euro.

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Im November 2019 hätte der 1919 in Frankfurt geborene Künstler Ernst Weil seinen 100. Geburtstag feiern können. Die Kunstvilla gratulierte nachträglich und erinnerte mit ihrer Retrospektive an einen Maler, der gemeinsam mit dem neun Jahre älteren, aus Hannover stammenden Künstler Gerhard Wendland (1910 – 1986) die malerische Abstraktion in Nürnberg vertrat und vermittelte. Im Jahr 1965 übernahm Ernst Weil eine Professur für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, die er bis zu seinem plötzlichen Tod 1981 innehatte. Die Berufung krönte ein früh anerkanntes künstlerisches Schaffen, das in einem charakteristischen Spätwerk gipfelte.  
Die erste museale Retrospektive seit fast 40 Jahren stellte anhand von rund 80, vielfach noch nie gezeigten Werken Weils fulminante künstlerische Entwicklung vor. Die Ausstellung blätterte das Schaffen von Ernst Weil in insgesamt fünf Kapiteln auf und rekapitulierte sein Œuvre über eine Zeitspanne von 35 Jahren von 1946 bis 1981.

Weils künstlerische Anfänge als Maler liegen in München, wo er von 1946 bis 1950 an der späteren Akademie der Bildenden Künste bei Willi Geiger (1878 – 1971) studierte. Im Brotberuf arbeitete Weil als Illustrator für Buch- und Zeitungsveröffentlichungen und schuf Wandgestaltungen sowie Messestände. Daneben etablierte er sich rasch als Maler und wurde bereits ab 1947 von namhaften Institutionen öffentlich ausgestellt. Seine in den 1940er-Jahren entstandenen Werke belegen seine Rezeption der Klassischen Moderne, deren verschiedene Stile er sich im Schnelldurchlauf aneignete. 1947 sah Weil im Münchner Haus der Kunst die Ausstellung „Moderne französische Malerei“, der er wesentliche Impulse verdankte. Die im Rahmen des deutsch-französischen Kunsttransfers organisierte Ausstellung entwarf eine Genealogie der französischen Kunst vom Impressionismus über den Kubismus bis zur École de Paris. Dieser Stammbaum wurde stilbildend für eine ganze Generation an Kunstschaffenden, darunter Ernst Weil. Seine Werke der 1940er-Jahre, die eine stilisierte, an Werner Gilles (1894 – 1961) erinnernde Motivik zeigen, wurden Mitte der 1950er-Jahre abgelöst durch kubistische Raumkonstruktionen nach dem Vorbild Fernand Légers (1881 – 1955). Weils Weg in die Abstraktion folgte der französischen Tradition, für die das Naturvorbild der Maßstab blieb. Tektonisch gebaute Landschaften prägten diese Werkphase, deren Arbeiten Weil teilweise in den 1970er-Jahren überarbeitete.  Wie für zahlreiche Künstler seiner Generation stellte Frankreich ein Sehnsuchtsland und die französische Kunst das erstrebenswerte Ziel dar. 1953 reiste Weil mit seiner zweiten Frau, der Künstlerin Marie-Luise Heller, nach Südfrankreich, wo sie in Vallauris den dort seit 1947 lebenden Pablo Picasso (1881 – 1973) trafen. Picasso gab schließlich ein Autogramm auf eine von Weil angefertigte Zeichnung, die die Töpferei Madoura darstellt, in der Picasso seine Keramiken schuf. Heller durfte den Jahrhundertkünstler bei der Ausmalung der Kapelle zum Thema „Krieg und Frieden“ fotografieren. Auf Empfehlung Picassos zog Weil schließlich 1957 nach Paris, wo er im Künstlerviertel Montparnasse eine Boxerhalle als Atelier nutzen konnte. Mit aufsichtigen Zeichnungen der Boxerhalle eignete sich Weil zunächst den ungewöhnlichen Ort an, bevor er sich der Figur des kämpfenden Boxers zuwandte. Von beiden Serien präsentierte die Ausstellung ausgewählte Zeichnungen, die eine zunehmende Verdichtung des Strichs zeigen. Darauf aufbauend entwickelte Weil anhand des Motivs des Boxers auf seinen Leinwänden einen expressiv-dynamischen Stil. Daneben entstand eine tachistische Werkphase, in der Pinselduktus und Farbverlauf ein größeres Gewicht erhielten. Drippings und Farbschlieren charakterisieren diese Werke, die zwischen dem amerikanischen Expressionismus à la Jackson Pollock (1912 – 1956) und dem Informel vermitteln. Nachdem Weil 1965 den Ruf an die Nürnberger Kunstakademie erhalten hatte, stellte er mit der Reihe der Zahlenbilder seine Malerei auf ein theoretisches Fundament. Seine Farbtheorie, die er auch schriftlich niederlegte, beruhte auf einem dreiteiligen numerischen System, das Pläne, Schichten und die Anzahl der Buntfarben beschreibt. Weils ausgestellter Farbkasten belegt seine damalige Arbeit mit Schablonen und Prismen. In den Gemälden, die konstruktive wie informelle Elemente verbinden, wird die Vielschichtigkeit zum Prinzip.

In seiner späteren Nürnberger Zeit schuf Weil schließlich abstrahierte Landschaften, die als Verstrebungen von Farbflächen im Raum aufgebaut sind und poetische wie technoide Züge zeigen können. In seiner allerletzten Werkgruppe wandte sich Weil wieder der Figur zu. Weils in kräftigen Farben verfasste Figuren kämpfen rotierend gegen die Verspannung im Raum. Sie erscheinen als Sinnbild einer persönlich wie allgemein verfassten existenziellen Fragestellung. In seinem in Nürnberg entstandenen Spätwerk zog Ernst Weil damit nicht nur ein Resümee der Klassischen Moderne, sondern fand zugleich Anschluss an die Malerei der sogenannten „Jungen Wilden“ der 1980er-Jahre.
 
Seinen künstlerischen Ansatz gab Ernst Weil an rund 120 Künstlerinnen und Künstler weiter. Ab 20. März 2020 sind in der Dauerausstellung eine „Hommage an Ernst Weil“ mit Werken der ehemaligen Weil-Schülerinnen und Schüler Hubert Baumann, Gabriela Dauerer, Gregor Hiltner, Udo Kaller, Gertrude Lang, Ortwin Michl, Joachim Kersten und Fred Ziegler sowie der Jubiläumsraum mit Werken von Weils Akademiekollegen Gerhard Wendland (1910 – 1986) zu sehen.

 

 

 

 

Zwischen den Farben - Inge Gutbrod / Markus Kronberger

Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 8, Verlag für moderne Kunst 2016, 112 Seiten, 29 Euro

Hrsg. von Andrea Dippel und Matthias Strobel, mit Texten von Amely Deiss, Andrea Dippel, Annelie Pohlen, Simone Schimpf und Ludwig Seyfarth, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 8, Verlag für moderne Kunst 2016, 112 Seiten, 29 Euro.

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Die dritte Dialogausstellung der Kunstvilla zeigte mit Inge Gutbrod (geb. 1963 Nürnberg) und Markus Kronberger (geb. 1964 Nürnberg) zwei Künstler, die sich seit ihrer Studienzeit an der Nürnberger Kunstakademie kennen und schätzen, und widmete sich zugleich dem unergründlichen Phänomen der Farbe. Inge Gutbrod und Markus Kronberger haben in ihrer Kunst auf unterschiedliche Art und Weise die Erforschung von Farbe und Raum in den Mittelpunkt gestellt. Beiden Künstlern ist gemeinsam, dass sie – von der Malerei kommend – im Verlauf ihres künstlerischen Schaffens in die dritte Dimension vorgestoßen sind. Handelt es sich bei Inge Gutbrod dabei vornehmlich um die Gestaltung faktischer Räume im Sinne der Installationskunst erschafft Markus Kronberger Denkräume, die in immer stärkerem Maße das Verhältnis des einzelnen Werks zu seiner Umgebung thematisieren. Gutbrods Ausgangsmaterial ist Paraffin, ein aus Erdöl gewonnenes künstliches Wachs, das sie nicht nur unterschiedlich einfärbt, sondern dessen spezifische Materialeigenschaften der Verflüssigung und Verfestigung sie zur Schaffung von meist leuchtenden Objekten und häufig großformatigen Raumstrukturen einsetzt. Markus Kronberger ist einer der bekanntesten Vertreter der sogenannten Konkreten Malerei in Nürnberg. Frühzeitig konzentrierte er sich auf das Quadrat als ideale malerische Form. Wenn Kronberger seine jüngsten Werke um grafisch gestaltete Schriftzüge erweitert, verdichtet er dadurch zum einen ihr poetisches Potential im Bild selbst und spitzt zum anderen Fragen nach der Zeitlichkeit zu. Farbe und Licht, Raum und Zeit sowie deren subjektives Erleben stellen die Hauptcharakteristika der Arbeiten von Inge Gutbrod und Markus Kronberger dar. Die Rückbindung ihrer Kunst an die Realität vereint die beiden Künstler, die „Zwischen den Farben“ das Verhältnis von Kunst und Leben neu verhandeln. Die Ausstellung zeigte einen Querschnitt durch die Hauptwerke der beiden Künstler und erlaubte einen Einblick in alle Facetten ihres kontinuierlich entwickelten Schaffens. Außerdem entstanden Werke, die ortsbezogen auf die Kunstvilla, ihre Räumlichkeiten und auf die präsentierte Dauerausstellung regionaler Kunst reagieren. Inge Gutbrod entwickelte u.a. die kinetisch angetriebene Raumplastik „roundabout“, mit der ihre Wachsstränge erstmals in Bewegung geraten. Außerdem waren Leuchtobjekte zu sehen, die als Boden- und Wandobjekte ihre diffuse Lichtstimmung in den Raum ausweiten. Während sich Markus Kronbergers Bildserie im einheitlichen Format 60 x 60 cm in den Sammlungsräumen in den Dialog mit den ausgestellten Gemälden der regionalen Kunstgeschichte stellte, entwickelte sich im Sonderausstellungsbereich ein Bezugssystem aus kunstimmanenten wie darüber hinaus reichenden Verweisen.

Urbane Zukunft. Werke aus der Sammlung der wbg und aus städtischem Besitz

Verlag für moderne Kunst 2018, 24,90 Euro (deutsch)

Hrsg. von Andrea Dippel und Matthias Strobel, mit Texten vonNina Daebel und Andrea Dippel, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 11, Verlag für moderne Kunst 2018, 112 Seiten, 29 Euro.

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Anlässlich des 100. Geburtstags des kommunalen Immobilienunternehmens wbg warf die Ausstellung einen Blick auf die Entwicklung des Stadtbilds vom Fensterblick der Klassischen Moderne über abstrahierte Luftaufnahmen bis zu den Utopien heutiger Kunstschaffender.  
 
Erst im 16. Jahrhundert wurde die konkrete Erfassung einer bestimmten Stadt zur Selbstverständlichkeit. Ein Jahrhundert später kam die bis heute in ihrer Verbindung von Ortsansicht und spezifischer Atmosphäre maßgebliche Vedutenmalerei auf, die die Stadt in die sie umgebende Landschaft einbettete und zugleich die Fernsicht auf die Stadt kanonisierte. Im 19. Jahrhundert wandte sich das Interesse schließlich dem urbanen Leben aus der Innensicht zu. Die Stadt als identifizierbares bauliches Gesamtensemble weicht nun Einzelansichten belebter Straßenzüge, neu entstandener Wohngebäude und frisch angelegter Grünanlagen. Erstmals stand nicht mehr die historische Überlieferung im Zentrum bildnerischen Schaffens. Die europaweit um sich greifenden Verstädterungsprozesse in Metropolen wie Paris, London oder Berlin bilden die Grundlage für die Entwicklung von Großstadtbildern, deren Inventar fortan die wesentlichen Charakteristika der Verstädterung zeigt.  
 
Die Ausstellung „Urbane Zukunft“ fächerte das Thema mit rund 50 Werken von 17 Künstlerinnen und Künstlern im Zeitraum 1928 bis heute auf und behandelte dabei die wesentlichen Aspekte Wohnen, Verkehr und Erholung. Ihr Schwerpunkt lag in den 1950er-Jahren als Künstler wie Oskar Koller (1925 – 2004) und Jakob Dietz (1889 – 1960) als Seismografen ihrer Zeit die Veränderungen vor ihrer Haustür sehr genau aufnahmen und die Verstädterungsprozesse festhielten. Zugespitzt wurden die historischen Positionen, die man unter dem Titel „Heute ist morgen schon gestern“ zusammenfassen könnte, von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich den umfassenden Veränderungen seit der Jahrtausendwende widmen. Die Werkauswahl zeigte die Transformation des öffentlichen Raums zu unterschiedlich belegten Strukturen zwischen Figuration und Abstraktion, Innen und Außen, Fern- und Nahsicht.
 
Im Kapitel „Ateliers: Zimmer mit Aussicht“ präsentiert die Ausstellung eine Auswahl von Gemälden von Jakob Dietz (1889 – 1960), Christian Klaiber (1892 – 1963), Georg Weidenbacher (1905 – 1984) und Eitel Klein (1906 – 1990). Die ausgestellten Fensterblicke zeigten einerseits den Nahbereich der Kunstschaffenden und fokussieren zugleich über das symbolisch aufgeladene Motiv des Fenster- wie Bildrahmens das Thema der Wahrnehmung.  Der Künstler Florian Tuercke (geb. 1977) erweiterte mit seiner eigens für die Ausstellung entstandenen Klanginstallation aus der Serie „Audio_Bikes 3.0“ die ausgestellten Bildwerke um ein Klangerlebnis. Tuerckes Installation beruht auf einer Fahrradfahrt durch das große Wohngebiet am Nürnberger Nordostbahnhof, wo der Künstler lebt und arbeitet, und übersetzt die aufgenommenen Töne der Fahrradfahrt in eine musikalische Partitur.
 
Die unter dem Titel „Siedlungsarchitektur: Wachsende Neubauten“ zusammengefassten Werke zeigten, inwiefern Künstler wie Jakob Dietz (1889 – 1960) und Oskar Koller (1925 – 2004) Wohngebäude zu neuen Wahrzeichen der Modernität stilisierten. Vor allem nach den beiden Weltkriegen war die Wohnungsnot groß. In den Außenbezirken der Städte entstanden Wohnsiedlungen, in denen auch Künstlerinnen und Künstler eine neue Heimat fanden. Die Neubauten ragten zunächst aus ihrer Umgebungsbebauung heraus und wurden entsprechend ins Bild gesetzt. Heute sind die einst suburbanen Viertel längst in die Stadt integriert.
 
Das Ausgreifen der Stadt in ihr Umland belegte „Kernstadt und Vorstadt: Verkehrsadern und Stadtgrenzen“. Die Auswahl thematisierte die Veränderung der ehemals ländlichen Umgebung, bzw. den beständigen Stadtumbau für den Verkehr. Für Städteplaner beruhen Städte vor allem auf ihrer Infrastruktur. Künstlerinnen und Künstler folgen den Straßen und Verkehrswegen. Sie beobachten die Ausdehnung der Stadt, deren Grenzen in der Moderne nicht mehr genau fixierbar sind. Von der Kernstadt bis zur Vorstadt ist inzwischen alles der Mobilität unterworfen.  Als künstlerische Utopie erscheint das Kunstprojekt „bethang“ von Karsten Neumann (geb. 1963), der schon seit geraumer Zeit NürnBErg im Verbund mit FürTH und ErlANGen sieht und eine Neubewertung zentraler Orte durch Umbenennung vornimmt. Innerhalb seiner künstlerischen Verdichtung verweist Neumann außerdem auf die vielfältigen Bedeutungsebenen des Stadtraums.
 
Eine andere Richtung schlugen die Künstlerinnen und Künstler ein, denen städtebauliche Strukturen die Grundlage für einen Perspektivwechsel bieten. Innerhalb der abstrakten Stile der Klassischen Moderne wurde das Architekturbild Ausgangspunkt für formalistische Überlegungen. Die moderne Stadt erscheint als Organismus nicht mehr lesbar. Sie wird zu einer Fassade, die zeitgleich in der realen Architektur zunehmend aufgelöst wird. In der Kunst findet die Stadt fortan ihr Pendant in abstrakten Farbflächen und schraffierten Linien, etwa bei Oskar Koller (1925 – 2004). Stehen bei Leo Birkmann (1911 – 1983) und Mara Loytved-Hardegg (geb. 1942) Rasterformen im Mittelpunkt, fragmentiert Alexander von Falkenhausen (geb. 1970) den Stadtplan Nürnbergs in 24 quadratische Gemälde, die vor allem die Belegung der Fläche mit Straßen, Gebäuden und Grünflächen zeigt. Die Stadt wird auf ihre Funktionen beschränkt.
 

Meist zeigt sich vor allem aus der Vogelperspektive, wie grün eine Stadt ist. Schließlich benötigt auch der Städter Erholung und Orte für die Freizeit. Es erscheint interessant, dass diese häufig als Gegenentwurf zur Urbanität erscheinen. Parks, Grünanlagen und Gartenwirtschaften sind bei Jakob Dietz (1989 – 1960) und Hermann Thomas Schmidt (1902 – 1989) in ihrem Bildraum begrenzte Idyllen – kleine Fluchtorte des Städters vor seinem gedrängten Alltag. Fredder Wanoth (geb. 1957) nimmt in seinen noch nicht abgeschlossenen Serien „Lokal Kolorit“ und „Global Kolorit“ das soziale Miteinander innerhalb städtischer Gefüge in den Blick. Allesamt bilden die auffallend querformatigen Zeichnungen beiläufige Blickwinkel in Nahaufnahme ab. Damit richtet Wanoth seine Sicht auf die Stadt als menschlichen Lebensraum. Als Städtezeichnungen standen sie im Zusammenhang mit seiner künstlerischen Utopie „Europolis“, für die er auch Holzmodelle von signifikanten Architekturen nachbaut.
 
In der zeitgenössischen Kunst ist das klassische Stadtbild in Auflösung begriffen. Es gibt keine große Erzählung von der Stadt mehr, sondern viele einzelne. Die Ganzheitlichkeit ist dem Fragment gewichen, die Ordnung dem vermeintlichen Chaos.  Stellvertretend hierfür hingen zwei großformatige Werke von Ralph Fleck (geb. 1951) in der Ausstellung. Mit Ralph Fleck (geb. 1951) lehrte von 2003 bis 2014 ein Künstler an der Nürnberger Kunstakademie als Professor, der sich wie kein anderer Künstler der Gegenwart in einer für ihn charakteristischen a la prima-Malerei dem Stadtbild widmet. Meist quadratisch und aus der Vogelperspektive ergibt sich ein Blick in die durch Hochhäuser entstehenden tiefen Straßenfluchten. Licht und Schatten liegen hier nah beieinander. Wie fragil das menschliche Streben nach Höhe ist, erweist sich nicht zuletzt bei Erdbeben, die die aufgetürmten Strukturen zum Einsturz bringen. Was zuvor wie ein wohlgeordneter Schaltplan erscheint, versinkt im Chaos undefinierbarer Einzelteile. Wie jede Struktur ist auch die Stadt gefährdet. Welche Ordnung wird für ihr Überleben sorgen?

70 Jahre Künstlergruppe »Der KREIS« Ein Längsschnitt durch die Kunst in Nürnberg seit 1947

Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, 256 Seiten, 39 Euro (deutsch)

Hrsg. von Andrea Dippel und Matthias Strobel, mit Texten von Claus Pese, Ruth Negendanck, Susann Scholl, Barbara Leicht, Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Bd. 9, Verlag für moderne Kunst 2020, 256 Seiten, 39 Euro.

Die Ausstellung der Kunstvilla 70 Jahre Künstlergruppe »Der KREIS« – Ein Längsschnitt durch die Kunst in Nürnberg seit 1947 nahm ab 04. Mai 2017 das Jubiläum der Künstlervereinigung zum Anlass, das Wirken der Gruppe seit ihrer Gründung in den Nachkriegsjahren bis in die Gegenwart in einer umfassenden Präsentation zu würdigen. Die Kunstvilla richtete dafür ihre 2014 zur Eröffnung eingerichtete Dauerausstellung vollständig neu ein. Vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen
Aufarbeitung der eigenen Sammlungsbestände wurden die wesentlichen Wegmarken der Gruppe über sieben Jahrzehnte präsentiert. Mit rund 180 gezeigten Werken von über 65 Künstlern ergab sich ein reiches Panorama der Kunstentwicklung in Nürnberg von 1947 bis heute. Der städtische Besitz wurde hierfür um hochkarätige Leihgaben ergänzt. Die Gründung der Künstlergruppe »Der KREIS e.V.« im Jahr 1947 durch sechs Künstler und einen Galeristen, denen sich bis 1951 weitere 20 Künstlerinnen und Künstler anschlossen, entsprang dem Wunsch, durch den gemeinsamen Auftritt eine stärkere öffentliche Wirkung zu erzielen. Stilistisch orientierten sich die Künstler an den Entwicklungen der Vorkriegszeit, vornehmlich der Klassischen Moderne. Thematisch rückte in der Gründergeneration mit Theodor Hugo Fenners, Georg Weidenbacher, Alfred Kohler, Jakob Dietz und Erich Kohout zunächst das eigene Umfeld in den Fokus: Nürnberg und seine umliegende Landschaft sowie die eigenen vier Wände. Der Blick auf die Jugend und aus dem Atelierfenster stand z. B. bei Eitel Klein, Christian Klaiber und Hans Langhojer symptomatisch für einen vorwärtsgerichteten Neubeginn. Künstlerinnen und Künstler wie Dore Meyer-Vax, Willy Cramer und Ernst Walter arbeiteten in der Darstellung von Elend und Entbehrung die eigenen Kriegstraumata auf. Max Renner, Luis Rauschhuber und Karl Dörrfuß hatten hingegen religiöse Bezüge gewählt, um dem erlebten Leid eine Sinnhaftigkeit zu verleihen.