Das Filmhaus Nürnberg präsentierte im Rahmen von Edgar Reitz – Die große Werkschau vom 5. Januar bis 4. März 2018 rund 50 Programme des bedeutenden deutschen Filmemachers. Am letzten Tag der Werkschau führte der Filmhistoriker und Publizist Robert Fischer ein Gespräch mit Edgar Reitz, das Einblicke in seine Philosophie des Films und des Kinos gibt.

Nach zwei Monaten und 50 Filmprogrammen zieht Edgar Reitz eine positive Bilanz der großen Werkschau im Filmhaus Nürnberg. Der Mitunterzeichner des Oberhausener Manifests und Pionier des epischen Erzählens im Film ist ca. 15 Mal nach Nürnberg gereist, um Einführungen in seine Filme zu halten oder mit ehemaligen Mitwirkenden und dem Publikum in den Dialog zu treten.

Für Edgar Reitz war die Konfrontation mit dem eigenen Werk und dem Publikum, eine „Erfahrung auch mit sich selbst“. „Ich bin im Laufe meines Lebens immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass die Erfindung der Kinematographie der Menschheit etwas an die Hand gegeben hat. Etwas absolut Neues, was tief in die menschliche Existenz eingreift, und was uns befähigt, künstlerisch etwas haltbar zu machen, was uns sonst immer entglitten ist. Die Menschheit hat einen Raum betreten, in dem die Anschauung ihres Lebens in allen Entwicklungsphasen erhalten bleibt. Wenn man mit dieser Einstellung Filme macht, ist es ein unglaubliches Glück, da ist das Filmemachen ein Glückszustand. Ich hätte für kein Geld der Welt in einer anderen Zeit leben wollen, wo es das nicht gab.“ Edgar Reitz

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Das Programm der großen Werkschau

 

Vom 10. bis 12.1.2020 waren die beiden Gründer*innen des Forums der Berlinale zum neunten Mal zum Gast im Filmhaus und präsentierten drei außergewöhnliche Filme. Die Gespräche zu diesen Filmen gibt es nun online.

Das Filmhaus Nürnberg würdigt Erika und Ulrich Gregor, die Gründer*innen des Forums der Berlinale und Mitbegründer*innen eines anderen Kinos in Deutschland. Ein Kino, das sie als eine sich nach allen Seiten hin öffnende Plattform verstehen, Kunst, Wiedergabe der Wirklichkeit und politisches Statement umfassend. Für beide ist das Kino Ort für ein ästhetisches, künstlerisches und soziales Erlebnis. Im Berliner Kino Arsenal und darüber hinaus bereiteten (und bereiten) sie seit 1970 mit Retrospektiven und thematischen Programmen den Boden für diese Erfahrungen.

Zum Auftakt ihrer neunten Carte blanche im Filmhaus stellten „die Gregors“ am 10. Januar 2020 BRUXELLES - TRANSIT, den einzigen Spielfilm in der kurzen Karriere des talentierten Samy Szlingerbaum vor. Er erzählt von der Ankunft seiner Eltern in Brüssel 1947, polnische Juden, die zehn Tage lang mit dem Zug durch das zerstörte Nachkriegseuropa gereist waren, und von ihren Versuchen, ein Zuhause zu finden. Ein Film mit traumhaften Qualitäten, der viele Betrachtungsweisen zulässt und doch die „Schlichtheit eines Kieselsteins“ besitzt, „den man auf ein jüdisches Grab legt“ (Jim Hoberman).

Link Filmgespräch zu BRUXELLES - TRANSIT

Am zweiten Tag stellten sie am 11. Januar 2020 die beiden Komödien THE FATAL GLASS OF BEER und MY LITTLE CHICKADEE in einem vergnüglichen Doppelprogramm vor. THE FATAL GLASS OF BEER, W. C. Fields’ zweite von vier bei Mack Sennett produzierten Komödien gilt als sein bester Kurzfilm und ist eine „Parodie auf moralisch-erzieherische Filme“, so Ulrich Gregor. MY LITTLE CHICKADEE bringt unter der Regie von Edward F. Cline zwei große Schauspielerpersönlichkeiten zusammen: W. C Fields und Mae West, die beide auch das Drehbuch verfassten. Die Westernparodie besitzt subversive Qualitäten und Mae Wests Figur, eine emanzipierte femme fatale, ist ein Gegenbild zu den puritanischen Vereinigten Staaten. Kostensparend in den Kulissen von DESTRY RIDES AGAIN (1939) entstanden, wurde die Universal-Produktion, nicht zuletzt durch Mae Wests Dialoge, von denen viele zu geflügelten Worten avancierten, zu einem enormen Erfolg.

Link Filmgespräch zu MY LITTLE CHICKADEE und THE FATAL GLASS OF BEER

Zum Abschluss ihrer neunten Carte blanche im Filmhaus präsentierten Erika und Ulrich Gregor DER MANN MIT DEN DREI SÄRGEN von Lee Jang-ho, ein driftend-hypnotisches Roadmovie, das der Reise eines melancholischen Witwers in seine Vergangenheit folgt. Den Film aus Südkorea hatten sie für das 18. Internationale Forum des jungen Films der Berlinale ausgewählt. Er wurde dort mit dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet. In dem Jahr, 1988, war das südkoreanische Kino hierzulande noch unbekannt. Das sollte sich im Weiteren ändern, auch und gerade durch die unermüdliche Neugier und Entdeckungsfreude „der Gregors“, neue Filmwelten zu erschließen.

Link Filmgespräch zu DER MANN MIT DEN DREI SÄRGEN

 

Am 14.2.2020 war einer der renommiertesten deutschen Regisseure zu Gast bei uns. Wir haben das Publikumsgepräch mit ihm auf Video aufgezeichnet.

Für die vom Publikum begeistert aufgenommene Werkschau besorgten wir die besten Kopien seiner Filmwerke wie DER JUNGE TÖRLESS, DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM, aber auch die grandiose, wieder zu entdeckende Director's Cut-Fassung seines oscarprämierten Films DIE BLECHTROMMEL. Es waren auch sehr selten gezeigte Filme zu sehen, wie DER FANGSCHUSS, GEORGINAS GRÜNDE oder NUR ZUM SPASS, NUR ZUM SPIEL. Leider konnten wir seine Atwood Verfilmung DIE GESCHICHTE DER DIENERIN nicht mehr zeigen, werden dies aber nachholen. Volker Schlöndorff hat uns freundlicher Weise erlaubt, das Filmgespräch, das wir zur Eröffnung der Werkschau mit ihm führten, online zu stellen. Darin spricht er über seinem Debutfilm DER JUNGE TÖRLESS, aber auch über den jungen deutschen Film und das Filmemachen fürs Kino im Besonderen.

Link zum Video

Leider mussten wir die Werkschau eine Woche vor dem Finale wegen Corona beenden. Im Folgenden haben wir als Empfehlungen zum "Weitersehen" Links zu der aktuellen Arte-Dokumentation über Volker Schlöndorff, zu auf Blu Ray oder Streamingdiensten verfügbaren Filmen, zur virtuellen Ausstellung des Filmmuseums Frankfurt und zu seiner eindringlichen Biografie LICHT, SCHATTEN UND BEWEGUNG, die im Buchhandel oder bei uns erhältlich ist.

 

Aktuelle Arte-Dokumentation: VOLKER SCHLÖNDORFF - EIN LEBEN FÜR DAS KINO (Frankreich 2019, 53 Min., Regie: Pierre-Henri Gibert)

Nächste Ausstrahlung am Mittwoch, 6. Mai um 21:35, in der Arte-Mediathek verfügbar vom 29.4. bis 4.7.2020

 

Virtuelle Ausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt: https://schloendorff.deutsches-filminstitut.de/

 

Sehr empfehlenswert: seine Autobiografie LICHT, SCHATTEN UND BEWEGUNG

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/licht-schatten-und-bewegung/978-3-446-23082-8/

https://www.literaturcafe.de/volker-schloendorff-interview-licht-schatten-und-bewegung-buchmesse-podcast-2008/

 

Viele von Volker Schlöndorffs wichtigsten Filmen sind bei Arthaus als DVD oder BluRay erschienen.

https://www.arthaus.de/volker_schloendorff

 

Beitragsfoto: Matthias Fetzer

 

Die streunende Hündin Laika wurde als erstes Lebewesen ins All geschickt – und damit in den sicheren Tod. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Mit dieser fantastischen Prämisse sind Elsa Kremser und Levin Peter zu den Dreharbeiten aufgebrochen und haben wochenlang die Straßenhunde Moskaus gefilmt. Zugleich haben sie im Archiv der sowjetischen Raumfahrt ungesehene Filmausschnitte gefunden. Entstanden ist so einer der ungewöhnlichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre: SPACE DOGS.

Das Gespräch fand am 21. September 2020 zur Preview des Filmes im Filmhaus Nürnberg statt. Moderation: Tobias Lindenmann