Nach 1945 wurde die italienische Filmkunst zu einer der bedeutendsten Strömungen der Filmgeschichte. Der italienische Neorealismus der 40er und 50er Jahre beeinflusste in hohem Maße weltweit ganze Bewegungen im Film: vom amerikanischen Cinéma vérité und dem englische Free Cinema über die französische Nouvelle Vague und der British New Wave, die Polnische Filmschule 1956?1965 bis hin zu Dogma 95.

Die Theorie des Neorealismus war von Künstlern bereits vor 1945 formuliert worden. Seine entscheidenden Impulse bezog er zunächst aus der konsequenten Ablehnung faschistischer Kulturdoktrinen. Die Widerstandsbewegung war in Italien die Haupttriebkraft einer politischen und kulturellen Erneuerung. In der resistenza lebte die Hoffnung auf Befreiung des Menschen von jeder gesellschaftlichen Ungerechtigkeit und Diskriminierung überhaupt. Auf dem Hintergrund des durch den Faschismus und Krieg zerstörten Landes schöpfte der Neorealismus die Kraft der Zeugenschaft, die seine Ethik des Sehens und Erzählens bestimmte. Er versetzte das Kino in einen allgemeinen gesellschaftlichen Kontext und maß ihm damit eine moralische Aufgabe zu. Für Cesare Zavattini, den Theoretiker des Neorealismus und Drehbuchautor u.a. von SCHUHPUTZER (1946), FAHRRADDIEBE (1948) und UMBERTO D. (1952), war der Film, wenn er das Leben der einfachen Menschen realistisch beschreibt, eine Möglichkeit, das Verständnis der Menschen untereinander und damit ihre Solidarität zu fördern. Über diese kommunikative Funktion erhält das Kino eine die Gesellschaft verändernde Kraft.

Die Ästhetik des Neorealismus ist die Antithese zum pompösen, eskapistischen Unterhaltungsfilm, zum „Kino der weißen Telefone“ im faschistischen Italien. Man stellte die Kamera auf die Straße, anstatt im Studio zu drehen. Man ließ Laien „sich selbst“ spielen, anstatt Schauspieler zu engagieren. Vor allem aber richtete man die Aufmerksamkeit auf die Nöte der Bevölkerung im Alltag. Man wollte der Verlogenheit des faschistischen Kinos entfliehen und „die Wahrheit“ einfangen. Filme wie PAISÀ (1946) und SCHUHPUTZER (1946) spiegelten die Realität des Daseins mit der Intensität der gelebten Erfahrung; im durchschnittlichen Schicksal, in der alltäglichen Begebenheit vermochten die Werke Roberto Rossellinis und Vittorio De Sicas zugleich die Situation der Allgemeinheit sichtbar zu machen. Ihre Universalität und Menschlichkeit, ihre tiefe Verwurzelung in der historischen und sozialen Wirklichkeit der Zeit brachten dem frühen neorealistischen Film ungewöhnlichen Erfolg auch außerhalb der Grenzen Italiens.

Weltweit gefeiert und schließlich wohl ausschlaggebend für die antifaschistische Wahrnehmung der neorealistischen Bewegung war jedoch Roberto Rossellinis Film ROM, OFFENE STADT (1945). Auch thematisch ein Werk des Widerstands, exemplifizierte Rossellini darin die Union der Widerstandskräfte quer durch alle ideologischen Lager. Noch während der NS-Besatzung Italiens geplant und unmittelbar nach der Befreiung gedreht, wurde diese Dramatisierung des Partisanenkampfes ? gemeinsam mit Vittorio De Sicas FAHRRADDIEBE ? zum Grundmodell für die neorealistische Ästhetik: ein „armes“ Kino, das den ganzen Reichtum menschlicher Erfahrung zu repräsentieren vermag. Danach war ein neorealistisches Schema etabliert: Verwendung von Originalschauplätzen, natürliches Licht, lange Einstellungen mit wenigen Nahaufnahmen, Dialoge in Umgangssprache, Figuren aus der Arbeiterklasse, oft von Laien (insbesondere Kindern) gespielt, Erzählungen mit offenem Ende.

Der Neorealismus, Teil einer sozialen und künstlerischen Bewegung, die noch keine politisch-ideologische Verfestigung aufwies, war ein Anfang. Das Leben selbst begann wieder, sich auf die Leinwände zu ergießen, das Leben einer Straße, eines Hauses. In den Filmen wirken die Stimmungen eines Tages, einer Umgebung unmittelbar auf die Zuschauer. Damals hatten der Schwarzweißfilm, der Einsatz der Tiefenschärfe ihre Vollkommenheit erreicht. Letztlich fehlte es dem Neorealismus jedoch mit der sich verändernden Nachkriegsrealität und der neuen konservativen politischen Ausrichtung Italiens an einer Basis bei den Zuschauern. Nach den Wahlen von 1948, die der Democrazia Christiana (DC) fast die absolute Mehrheit eintrugen und den Auszug der Sozialisten und Kommunisten aus der Regierung zur Folge hatten, kam es zum Auseinanderbrechen der labilen antifaschistischen Front, die eine der Grundlagen der Bewegung gewesen war. Der Aufschwung erlahmte. Die tiefgreifende Teilung des Landes in zwei feindliche Lager wurde durch die wachsende Feindseligkeit der Supermächte während des kalten Kriegs verstärkt. Die alleinregierende DC, die sich von den liberalen Nachkriegszielen fortentwickelt hatte, belegte De Sicas UMBERTO D. mit heftigen öffentlichen Angriffen, und unterstellte ihm, Italien im Ausland zu verleumden.

Auch wenn der Neorealismus mit der Veröffentlichung von UMBERTO D. im Januar 1952 ein Ende fand, reichten seine Einflüsse sehr weit. In Italien selbst wurden die Ansätze des Neorealismus weitergeführt in Pier Pasolinis frühen Arbeiten, den Werken der Gebrüder Taviani, den Studien des Arbeiterlebens, für die Ermanno Olmi bekannt wurde und in den kraftvollen Attacken Francesco Rosis auf den verbreiteten Machtmissbrauch.

Das Filmhaus präsentiert vom 14.11. bis 1.12. zehn bedeutende Werke des italienischen Neorealismus in zum Teil neu restaurierten Kopien.