Die Vitrine im Mai im Foyer der Kunsthalle Nürnberg

Die Künstlerin Chanyoung Chin stellt sich im Mai im Rahmen der Vitrinen-Ausstellungen vor.

Chanyoung Chin: 호떡 : Hotteok 
04. - 29. Mai 2026

Wenn man Liebe festhalten könnte, welche Form hätte sie wohl?“

Die Arbeit von Chanyoung Chin nahm ihren Anfang in einer flüchtigen Notiz, die sie zufällig im Tagebuch ihres verstorbenen Großvaters entdeckte. Darin fand sie eine Geschichte, welche sich in einem überfüllten Bus abspielte: Ihre Großmutter erlitt Verbrennungen am Oberschenkel durch eine Tüte mit heißen Hotteok – traditionellen koreanischen Pfannkuchen, die frisch vom Stand mit einer glühend heißen, flüssigen Zuckerfüllung verkauft werden. Ein Mann, der neben ihr stand, hielt diese Tüte fest in der Hand.

Auf die besorgte Frage des Großvaters, warum sie nichts gesagt habe, antwortete sie schlicht: „Er hat sie sicher für seine Kinder gekauft. Wenn ich ihn gebeten hätte wegzugehen, wäre es ihm bestimmt peinlich gewesen.“ Um die liebevolle Geste eines Fremden – das Mitbringen einer warmen Süßigkeit für die Familie – nicht zu beschämen, nahm sie den Schmerz der Verbrennung schweigend in Kauf.

In einer Welt, in der jeder darauf bedacht ist, keinen persönlichen Verlust zu machen, setzt Kim diese „rücksichtslose Rücksichtnahme“ in das Zentrum ihrer Arbeit. Sie erkennt darin den Ursprung der Liebe, die sie selbst erfahren hat – eine Wärme, die in unserer heutigen Gesellschaft oft verloren geht.

Mit schnellen Acrylstrichen fängt die Künstlerin die hektische Szenerie im Bus ein und legt darüber Schichten aus Ölfarben, um die Tiefe dieser Liebe physisch greifbar zu machen. Durch diese visuelle Aufzeichnung stellt Kim dem Betrachter die Frage: „Welche Form hat die Liebe, die jemand in Ihrem Herzen hinterlassen hat?

Chanyoung Chin nutzt Fragmente des Alltags als Rohmaterial, um surreale Vorstellungen in greifbare Realitäten zu übersetzen. Ihr Arbeitsprozess versteht sich dabei als visuelles Protokollieren persönlicher Momente und flüchtiger Gedanken. Für die Künstlerin ist das Werk ein kommunikatives Werkzeug, welches mit humorvollen Fragen die starre Eintönigkeit des Alltags aufbricht. Indem sie absurde Einfälle in eine fluide Form überführt, ruft sie beim Betrachter vertraute Erinnerungen hervor und schafft zugleich Raum für neue Narrative. So haucht Kim dem Alltag neues Leben ein und versucht durch ihre künstlerische Praxis emotionale Verbindungen zum Betrachter einzugehen und Trost zu spenden.

Chanyoun Chin studiert seit 2022 an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg in der Klasse für Freie Malerei bei Susanne Kühn.

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