RAUM 3
ECHOES OF LIFE 1982
If the doors of perception were cleaned
everything would appear to man as it is, infinite.
William Blake (1790)
Würden die Türen der Wahrnehmung gereinigt werden,
würde dem Menschen alles so erscheinen, wie es ist, unendlich.
William Blake (1790)
(English version below)
Die Wirkung der Bilder von ECHOES OF LIFE erscheint wie der Pulsschlag des Lebens: stetig und unaufhaltsam – ewig. Das eingefangene Licht durchwirkt atmosphärisch die Szenen. Linien, Flächen, pastellartige Farben oder Konturen umfassen die bildlichen Inhalte. Figuren und Objekte tauchen schemenhaft, wie Traumbilder, aus dem Unbewussten auf. Archaische Formen brechen gestrenge Architekturen auf und setzen Kontrapunkte. Wieviel Pragmatismus und technologischer Fortschritt nützt unserem Sein und ab welchem Zeitpunkt fängt er an uns zu schaden? Was, wenn wir der Heterogenität unseres Menschseins, unseren Zweifeln und unserem Unterbewusstsein keinen Raum mehr gewähren? Was, wenn alles technologisch Machbarerscheinende auch gemacht wird und so die Wirklichkeit formt? Ist dieses Leben wirklich lebenswert - ohne Träume, ohne Poesie und Muse, ohne Hoffnung und Utopie?
Vielleicht spiegelt sich in keiner der anderen thematischen Arbeiten Keresztes das Dilemma unserer Digitalmoderne im Jahr 2026 so deutlich wider, wie in dieser 1982 erstellten Werkserie. Fast prophetisch wirkt sie in ihren Andeutungen und Gegenüberstellungen. Möglicherweise stehen wir in unserem Dasein heute zu oft vor diesen Pforten der Wahrnehmung, die der Schriftsteller und Philosoph Aldous Huxley vor über einem dreiviertel Jahrhundert beschrieb (auch jenseits seiner Meskalin Erfahrungen), ohne jedoch, dass wir Zugang erhalten. Ein einzelnes Fenster das offen steht und in einen dunklen Raum weist, eine – von der Zeit – zugemauerte Türe, die man kaum mehr sieht, eine offenstehende Pforte in einen beleuchtenden Raum weisend, über deren Schwellen wir aber nicht schreiten können und über allem hängt eine stehengebliebene Uhr aus einer scheinbar anderen Dimension. Leben wir heute vielleicht nur noch das Echo eines wirklicheren, umfassenderen Lebens?
Alle Bilder Cibachrome
MAROKKO 1982
Auf Reisen nach Marokko entstand eine beeindruckende Serie an Fotografien, die unter anderem die zeitlose Schönheit der marokkanischen Landschaft wiedergeben und gleichzeitig sich immer mehr zu einer eigenen Serie verdichteten. Er bereiste Marokko auch zusammen mit seinem Künstlerfreund Oskar Koller. Dabei war es selbstverständlich, dass man sich auch gegenseitig inspirierte und motivierte. So fertigten beide Künstler während dieses gemeinsamen Aufenthalts mit ihrer je eigenen Formensprache eigenständige Arbeiten an. Aus den fotografischen Arbeiten von Lajos Keresztes und den Malereien seines Künstlerfreunds Oskar Koller ging das Marokko-Buch hervor, das 1983 erschien.
Alle Bilder Cibachrome und Aludibond
TRIPTYCHEN 1998 – 1999
„Yo no pinto lo que veo, pinto lo que pienso.“ (ich male die Dinge, wie ich sie denke, nicht wie ich sie sehe“. Dieses Zitat von Pablo Picasso trifft gewissermaßen auch auf viele Arbeiten von Lajos Keresztes zu. Gerade auch die Triptychen* zeugen davon. Sie wirken wie Traumsequenzen und Botschaften, die sich klar manifestieren, solange man sie nur betrachtet und nicht darüber nachdenkt. Erst wenn man beginnt darüber zu sinnieren, verschwimmen sie, werden rätselhaft, entziehen sich der eben noch erkannten Klarheit. Ähnlich wie bei den Polaroid Montagen, setzt Keresztes auch in dieser Werkserie fotografierte Bilder unterschiedlicher Machart zueinander in Beziehung und erschafft damit wieder eigene Bilder und Interpretationen. Im Vordergrund dieser Serie steht auch hier der konzeptionelle Gedanke, dem die fotografische Ausführung dann folgt.
Alle Abzüge Ektachrom Radiance Papier
*Das Triptychon ist kunsthistorisch betrachtet ein dreigeteiltes Gemälde welches häufig als Altarbild zu finden war/ist. Zumeist werden hier christliche Bildgeschichten dargestellt. Formal weist die Altargestaltung des Triptychon ein meist größeres Mittelbild und zwei schmälere Seitenbilder auf. Seit dem späten 19. Jahrhundert zeigen Triptychen immer öfter säkulare, also nicht religiöse Motive.
STILLIFE 1992 – 1996
STILLIFE ist geradezu gespickt mit objets trovés. In diesem Fall gefundene Materialien aus der Natur, selbstgeschnitzte Figuren und Formen vor dem Hintergrund eigenständig gestalteter und kolorierter Papierlandschaften. In dieser Werkserie adaptiert Keresztes seine surrealistischen Traumlandschaften, die er Rund ums Mittelmeer inszenierte, im Miniaturformat. Dabei wirken die STILLIFES wie Details aus größeren Bildkompositionen, als könnten Sie beispielsweise in den Werkserien LICHT ZEICHEN SPRACHE oder ATLANTIS an irgendeiner Stelle auftauchen und Bestandteile des Bildes sein. Tatsächlich sind es aber wunderbare Arrangements, die das Auge wahlweise zum stillen Betrachten, zum Entdecken oder zum Meditieren einladen, auch auf die süße Gefahr hin, dass es sich in den mannigfaltigen Details der Kompositionen verliert.
Alle Bilder Agfachrom Abzüge
ATLANTIS 1982
Das sagenumwobene mystische Atlantis (altgr., Insel des Atlas) ist Sammelbecken für unzählige Spekulationen. Ausgehend von den etwa 360 v.Chr. verfassten Dialogen Timaios und Kritias des antiken Philosophen Platons, nähren sie vor allem seit der Renaissance die Fantasien von Wissenschaft, Theologie, Esoterik und Kunst.
In der Literatur, bildenden Kunst, Musik und im Film sowie jüngst bei Computerspielen, wird der Atlantis Mythos unzählige Male verarbeitet. Aufgeladen mit den wildesten utopischen und dystopischen Potentialen lädt die Erzählung Künstler*innen immer wieder neu dazu ein, sich mit der Thematik auseinanderzusetzten.
Die Werkserie ATLANTIS von Lajos Keresztes ist insofern keine Ausnahme, gleichwohl interessiert den Künstler Keresztes weniger die konkrete Auseinandersetzung mit dem Mythos als vielmehr die evidente Offenheit der Sage für bildliche Konzepte. So fällt auch innerhalb der Werkgruppe auf, dass es sich formal um zwei unterschiedliche Motivstränge handelt: Einerseits spielt Keresztes mit symbolisch aufgeladenen Bildern aus Architektur oder Landschaft, andererseits inszeniert er in manchen dieser Bilder einen schwarzen bzw. goldenen Umhang, der an ein gespensterhaftes Wesen erinnert. Das tragende gemeinsame Bildkonzept dieser Motivstränge ist dabei die lichtschwangere Landschaft der Ägäis um die griechische Insel Thera (Santorini). Die Insel Santorini ist gleichzeitig eine der vermuteten Orte eines untergegangenen Atlantis. Die vorherrschenden Farben in der Serie sind blau/weiß und gold/silber. Damit verweist Keresztes auf den vermuteten Ursprung Atlantis mitten im Meer, jenseits der „Säulen des Herakles“ (die Meerenge von Gibraltar) im Atlantik, sowie auf deren vermeintlich utopischen Reichtum an Licht und Bodenschätzen (u.a. einem feurig schimmernden Metall). In Anbetracht der Betitelung der Serie ist der Betrachtende unterschwellig immer damit beschäftigt das Anwesende im Abwesenden und das Abwesende im Anwesenden zu sehen oder zu suchen – ganz wie im Atlantis Mythos selbst. Die Betitelung der Werkserien ist also keine zufällige Laune des Künstlers, sondern gehört augenfällig zur Praxis des Gesamtkonzeptes im Oeuvre von Lajos Keresztes.
Alle Bilder Cibachrome
ROOM 3
ECHOES OF LIFE 1982
If the doors of perception were cleaned
everything would appear to man as it is, infinite.
William Blake (1790)
If the doors of perception were cleaned,
everything would appear to man as it is, infinite.
William Blake (1790)
The effect of the images in ECHOES OF LIFE is like the pulse of life: steady and unstoppable – eternal. The captured light atmospherically permeates the scenes. Lines, surfaces, pastel-like colours and contours encompass the pictorial content. Figures and objects emerge shadowy, like dream images, from the unconscious. Archaic forms break up austere architectures and set counterpoints. How much pragmatism and technological progress benefits our existence, and at what point does it begin to harm us? What if we no longer allow space for the heterogeneity of our humanity, our doubts and our subconscious? What if everything that seems technologically feasible is also done, thus shaping reality in an ' ' way? Is this life really worth living – without dreams, without poetry and muse, without hope and utopia?
Perhaps none of Keresztes' other thematic works reflect the dilemma of our digital modernity in 2026 as clearly as this series of works created in 1982. It seems almost prophetic in its allusions and juxtapositions. Perhaps in our existence today we too often stand before these gates of perception, which the writer and philosopher Aldous Huxley described more than three-quarters of a century ago (even beyond his mescaline experiences), without, however, gaining access. A single window that is open and leads into a dark room, a door that has been bricked up by time and is barely visible, an open gate leading into a brightly lit room, but one we cannot cross the threshold of, and above it all hangs a clock that has stopped, seemingly from another dimension. Are we perhaps now only living the echo of a more real, more comprehensive life?
All images Cibachrome
MOROCCO 1982
During trips to Morocco, an impressive series of photographs was created that, among other things, reflect the timeless beauty of the Moroccan landscape and at the same time increasingly condensed into a series of their own. He also travelled to Morocco with his artist friend Oskar Koller. It was only natural that they inspired and motivated each other. During this joint stay, both artists created independent works using their own unique styles. The photographic works of Lajos Keresztes and the paintings of his artist friend Oskar Koller resulted in the Morocco book, which was published in 1983.
All images Cibachrome and Aludibond
TRIPTYCHS 1998 – 1999
"Yo no pinto lo que veo, pinto lo que pienso." (I paint things as I think them, not as I see them). This quote from Pablo Picasso also applies to many of Lajos Keresztes' works. The triptychs* in particular bear witness to this. They appear like dream sequences and messages that manifest themselves clearly as long as you just look at them and don't think about them. Only when one begins to ponder them do they become blurred, enigmatic, eluding the clarity that was just recognisable. Similar to the Polaroid montages, Keresztes also relates photographs of different styles to each other in this series of works, thus creating his own images and interpretations. Here, too, the conceptual idea is at the forefront of this series, followed by the photographic execution.
All prints on Ektachrome Radiance paper
*From an art-historical perspective, a triptych is a three-part painting that was/is often found as an altarpiece. Christian pictorial stories are usually depicted here. Formally, the altar design of the triptych usually features a larger central panel and two narrower side panels. Since the late 19th century, triptychs have increasingly depicted secular, i.e. non-religious, motifs.
STILL LIFE 1992 – 1996
STILLIFE is literally peppered with objets trouvés. In this case, found materials from nature, self-carved figures and shapes against the backdrop of independently designed and coloured paper landscapes. In this series of works, Keresztes adapts his surrealistic dreamscapes, which he staged around the Mediterranean, in miniature format. The STILLIFES appear like details from larger pictorial compositions, as if they could appear anywhere in the LICHT ZEICHEN SPRACHE or ATLANTIS series of works, for example, and be part of the picture. In fact, however, they are wonderful arrangements that invite the eye to contemplate, discover or meditate, even at the sweet risk of losing itself in the manifold details of the compositions.
All images Agfachrom prints
ATLANTIS 1982
The legendary mystical Atlantis (ancient Greek, island of Atlas) is a source of countless speculations. Based on the dialogues Timaeus and Critias written around 360 BC by the ancient philosopher Plato, they have fuelled the imaginations of science, theology, esotericism and art, especially since the Renaissance.
The myth of Atlantis has been explored countless times in literature, visual arts, music, film and, more recently, computer games. Charged with the wildest utopian and dystopian potential, the narrative continually invites artists to engage with the subject matter.
The ATLANTIS series of works by Lajos Keresztes is no exception in this respect, although Keresztes is less interested in a concrete examination of the myth than in the evident openness of the legend to pictorial concepts. Within the group of works, it is also striking that there are two different strands of motifs: on the one hand, Keresztes plays with symbolically charged images from architecture or landscape, and on the other hand, in some of these images he stages a black or golden cloak reminiscent of a ghostly being. The central visual concept linking these two strands of motifs is the light-filled landscape of the Aegean Sea around the Greek island of Thera (Santorini). The island of Santorini is also one of the s of the presumed locations of the lost city of Atlantis. The predominant colours in the series are blue/white and gold/silver. Keresztes thus refers to the presumed origin of Atlantis in the middle of the sea, beyond the "Pillars of Hercules" (the Strait of Gibraltar) in the Atlantic, as well as to its supposedly utopian wealth of light and mineral resources (including a fiery shimmering metal). In view of the title of the series, the viewer is subliminally always busy seeing or searching for the present in the absent and the absent in the present – just as in the myth of Atlantis itself. The title of the series of works is therefore not a random whim of the artist, but is clearly part of the overall concept in Lajos Keresztes' oeuvre.
All images Cibachrome