RAUM 3 – Reisen

 

 

A Second Look: Alleine Reisen

Alleinreisen war Frauen lange verwehrt. Verbote gab es nicht, aber viele Hürden: Wer ein Zugticket kaufen oder ein Hotelzimmer bezahlen wollte, brauchte eigenes Geld und für Frauen war es bis in die 1950er-Jahre nicht selbstverständlich, über eigenes Geld zu verfügen.

Hinzu kam, dass Reiseangebote auf Männer zugeschnitten waren. Schlafsäle oder Sammelunterkünfte waren fast ausschließlich männlich besetzt. Alleinreisende Frauen verstießen damit schnell gegen die damaligen Vorstellungen von Anstand und Weiblichkeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte sich das Reisen, wie wir es heute kennen: als touristische Praxis mit Pauschalangeboten, Urlaubszielen und individueller Mobilität.

Ruth Orkin brach diese Grenzen früh. 1939, mit 17 Jahren, startete sie in Los Angeles und machte sich auf den Weg zur Weltausstellung in New York. Ein Teil der Strecke legte sie mit dem Fahrrad zurück, den Rest per Anhalter – ein mutiges Unterfangen für eine junge Frau dieser Zeit. Später reiste sie erneut und fotografierte in Israel und in Italien. Es war ein Novum: Sie und ähnlich unabhängige Frauen eroberte Orte und Situationen, die zuvor fast nur Männern offenstanden.

Alleinreisen bedeutete für Männer Abenteuer. Für Frauen war es ein Statement. Es hieß sich Sichtbarkeit zu verschaffen, Rollenvorstellungen zu durchbrechen und sich gegenseitig zu empowern. Orkin selbst begegnete unterwegs einer weiteren allein reisenden Frau, Ninalee „Jinx“ Craig. Eine Begegnung, die nicht nur Sicherheit und Solidarität bedeutete, sondern auch eine Reihe von Fotografien und Geschichten hervorbrachte, die wir heute sehr schätzen.

Wer reist, wer sich frei bewegt, wer überall sicher sein kann ist weiterhin ungleich verteilt. Alleine Reisen als Frau war und bleibt ein Akt von Selbstbestimmung.

 

A Second Look ist der zusätzliche Themenpfad der Ausstellung. Er verbindet Ruth Orkins Werk mit größeren Fragen rund um Frauenbilder, Blickrichtungen und gesellschaftliche Rollen. So entsteht eine zweite Ebene, die aktuelle Perspektiven eröffnet und zum Weiterdenken einlädt.