In Situ – Kunst im öffentlichen Raum

10. Juni - 19. Sept. 2021

Der urbane Raum unterliegt permanenten Veränderungsprozessen durch Verdichtung, Strukturwandel und neue Dimensionen von Öffentlichkeit. Wie kann die Kunst in dem vielschichtigen Konstrukt aus Funktionen, Geboten und wirtschaftlichen Interessen, das den städtischen Raum determiniert, Freiräume erzeugen und Möglichkeiten für neue Erfahrungen, kreative Prozesse, Identifikation, Teilhabe und eine andere Wahrnehmung der alltäglichen lokalen Umgebung entwickeln?

Während die sogenannten Stadtmöblierungen gnadenlos um Aufmerksamkeit konkurrieren, fallen die in der Stadt Nürnberg durchaus vorhandenen Kunstobjekte und Skulpturen im Stadtbild kaum mehr auf. Das mag an den meist schon älteren Artefakten selbst liegen oder an ihrem urbanen Umfeld, das sich verändert und weiterentwickelt hat. Es hat aber auch damit zu tun, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst im öffentlichen Raum in den letzten 50 Jahren in Nürnberg nur zweimal stattgefunden hat: Das legendäre 1971 in Nürnberg und Erlangen verortete internationale Skulpturenprojekt Symposion Urbanum Nürnberg 71, bei dem einige Skulpturen beschädigt oder sogar zerstört wurden. Und 2006 Das große Rasenstück, eine Ausstellung im öffentlichen Raum anlässlich der Fußball-WM mit zeitgenössischen Werken auf einer der touristischen Hauptachsen Nürnbergs. Beide Projekte sorgten für hitzige Diskussionen, eine empörte Öffentlichkeit, Berührungsängste und Unsicherheiten, die nicht gerade zur weiteren Verfolgung dieses Themas motivierten. Während Das große Rasenstück temporär angelegt war, blieben aus dem Symposion Urbanum Nürnberg 71 dank privater Finanzierung und Organisation 24 Objekte und Skulpturen der 29 internationalen Bildhauer dauerhaft in der Stadt.

An diese Leistung erinnert nach fünfzig Jahren das von der Kunsthalle Nürnberg und dem Neuen Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg gemeinsam entwickelte Projekt Symposion Urbanum Nürnberg 1971 * 2021, das zwei Ausstellungen, eine Konferenz und eine Publikation umfasst. Die aufschlussreichen Materialien und Dokumente zu einem der ersten Bildhauer-Symposien im urbanen Raum werden mittels Fotografien, Modellen sowie einem digitalen Archiv als Foyer-Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von einem vielfältigen Angebot zur Auseinandersetzung mit den Originalen begleitet.

Parallel schlägt die Ausstellung In Situ – Über Kunst im öffentlichen Raum in der Kunsthalle Nürnberg den Bogen von den 1970er-Jahren in die Gegenwart und stellt exemplarisch mit rund 25 Werken internationaler Künstler*innen einen konzentrierten Überblick zur Entwicklung der Kunst im öffentlichen Raum vor. Das Spektrum reicht von monumentalen Plastiken wie etwa Richard Serras Tilted Arc (New York 1981) oder Christos Verpackung des Reichstags-Gebäudes (Berlin 1995) bis hin zu nicht (mehr) materiell wahrnehmbaren Werken wie dem Mahnmal gegen Faschismus von Jochen Gerz (Hamburg-Harburg 1986-1993) und Michaela Melians Memory Loops in München (2011). Eingebunden in die Präsentation sind punktuell auch Werke in Nürnberg wie die Skulptur Totemkopf (1968) von Henry Moore oder Olaf Nicolais Pavillons (2006). Thematisch interessant sind nicht nur die Vielfalt der stilistischen Formen und Mittel wie autonome Skulptur und soziale Plastik, Materialität und Immaterialität, Intervention und Partizipation, sondern auch die Transformationen und Veränderungen, die sich über den langen Zeitraum von 50 Jahren abzeichnen. Zu nennen sind hier insbesondere die Erweiterung des öffentlichen Raumes durch digitale Medien und virtuelle Räume ab den 2000er-Jahren sowie etwa zeitgleich eine signifikante Veränderung der Geschlechterverhältnisse in diesem bis dahin fast ausschließlich männlich dominierten Bereich der Kunst.

Wo stehen wir heute und wo wollen wir hin? Anregungen und Argumente zur Diskussion dieser Fragen soll die Ausstellung In Situ – Über Kunst im öffentlichen Raum in der Kunsthalle Nürnberg ebenso bieten wie ein Symposion, bei dem Themen der Stadtentwicklung wiedie Veränderungen durch Mobilität, Digitalisierung oder Klimaschutz für die heterogene Gesellschaft von morgen beleuchtet werden.

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