In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum

16. Oktober 2021 - 23. Januar 2022

Der urbane Raum unterliegt permanenten Veränderungen und Anforderungen durch Verdichtung oder Strukturwandel. Wie kann die Kunst in dem vielschichtigen Konstrukt aus Funktionen, Geboten und wirtschaftlichen Interessen, Möglichkeiten für kreative Prozesse und eine neue Wahrnehmung der alltäglichen lokalen Umgebung entwickeln?

Das Großprojekt Symposion Urbanum Nürnberg, das vom Planungs- und Baureferat der Stadt Nürnberg getragen und in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier und dem Neuen Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg entwickelt wird, diskutiert diese Fragestellungen umfassend.

 

English version

Vom 9. Juli 2021 bis 23. Januar 2022 steht anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Symposion Urbanum Nürnberg 71 die Kunst im öffentlichen Raum im Fokus. Im Zuge der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag von Albrecht Dürer 1971 sollte mit dem Bildhauertreffen bewusst ein Fokus auf die internationale Gegenwartskunst gelegt werden. Von ursprünglich 29 Objekten, die die eingeladenen jungen Künstler und Künstlergruppen vor Ort fertigten, bereichern heute noch 26 den Stadtraum. Die Aufbruchsstimmung, die Nürnberg vor 50 Jahren erfasste, spiegelt sich auch in diesem ehrgeizigen und mutigen Projekt wider, das aufgrund seiner Internationalität, seines engagierten Charakters und seines in die Zukunft gerichteten Blicks beeindruckt und zugleich eines der ersten Bildhauer-Symposien im urbanen Raum war.

An dieses ebenso leidenschaftliche wie wegweisende Unternehmen knüpft mehrteilige Projekt Symposion Urbanum Nürnberg an. Mit zwei Ausstellungen, einer Tagung, verschiedenen Publikationen, einer Website zur Kunst im öffentlichen Raum und einem umfangreichen, analogen und digitalen Veranstaltungsprogramm wird Kunst im öffentlichen Raum in ihren vielfältigen Formen vorgestellt und diskutiert. Zugleich unterstreicht dieses Projekt die Pläne des städtischen Planungs- und Baureferats, die zeitgenössische Kunst bei der Aufwertung und Neugestaltung von Orten und Plätzen in Nürnberg zukünftig noch stärker einzubeziehen.

Die am 15. Oktober beginnende Ausstellung In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum in der Kunsthalle Nürnberg betrachtet das Symposion Urbanum Nürnberg 71 im Kontext der gesellschaftlichen und künstlerischen Aufbruchsstimmung und zeigt, wie nah Nürnberg damals am Puls der Zeit war. So diskutierte man in Kassel zeitgleich Arnold Bodes Idee einer „documenta urbana“, während in Hannover zwischen 1970 und 1974 die erste internationale Skulpturenmeile im urbanen Raum entstand und in Münster die Grundlagen für die Skulptur Projekte (erstmals 1977) geschaffen wurde.
Von den 1970er-Jahren schlägt die Ausstellung den zeitlichen Bogen in die Gegenwart. Sie zeigt, wie sich der Begriff des Ortsspezifischen in den letzten 50 Jahren erweitert und verändert hat – von der ausdrücklichen Bindung an die umgebende Architektur und den Standort einer Skulptur über ein diskursives und offenes Verständnis von räumlichen und sozialen Beziehungen an einem Ort bis hin zu ortsunabhängigen Formen oder handlungsorientierten Praktiken. Und mit der Frage nach dem In Situ? der Kunst wird häufig auch ersichtlich, wie sich die Orte, Plätze und Straßen im urbanen Raum im Laufe der Zeit verändert haben, etwa durch Gentrifizierung, wirtschaftliche Nutzung oder Verkehrsführung.
Mit Fotografien, Modellen, Videofilmen und Zeichnungen dokumentiert die Ausstellung  eine exemplarische Auswahl der vielfältigen Formen der Kunst im Stadtraum, die von der autonomen Skulptur über die funktionale Gestaltung von Plätzen oder Tunneln bis hin zum partizipativen Prozess reicht. Am Beispiel eindrucksvoller Großplastiken von Monika Bonvicini, Tony Cragg und Olaf Metzel, aber auch begehbarer Architekturen etwa von Dan Graham, Olaf Nicolai, Raumlabor Berlin und Ina Weber werden Kunstwerke im Stadtraum thematisiert, die frei von kommerziellen Zwängen als Orte der Kommunikation, des Spiels oder einfach als Treffpunkte im urbanen Raum genutzt werden können. Markante Beispiele der Erinnerungskultur wie das Mahnmal gegen Faschismus (1986 - 1993) in Hamburg-Harburg.von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz und Nasan Turs Schalung (2017) in Göppingen sind in der Ausstellung ebenso vertreten wie Joseph Beuys‘ partizipatives Kunstwerk 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung, (1982 - 1987), das nicht nur eine frühe und ökologisch nachhaltige Intervention in den Kasseler Stadtraum und weit darüber hinaus war, sondern auch den Begriff des Ortsspezifischen sprengte. Ergänzt wird die Ausstellung in den Räumen der Kunsthalle Nürnberg durch zwei neue Installationen von Nasan Tur und Ina Weber im Außenraum.
Vom 21. bis 23. Oktober widmet sich eine Tagung aktuellen Themen der Kunst im öffentlichen Raum, insbesondere den zeitgemäßen Formen der Erinnerungskultur und des Gemeinsinns, die für unsere heterogene Gesellschaft auch in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden. Konzipiert wird die Tagung von Prof. Dr. Joerg Heiser, Direktor des Instituts für Kunst im Kontext und Dekan an der Universität der Künste in Berlin.

Exakt zum 50. Jahrestag der Eröffnung des historischen Skulpturenprojekts am Samstag, 10. Juli 2021, beginnt das sommerliche Outdoor-Programm mit Spaziergängen und Radtouren, die zu den Werken des Symposion Urbanum Nürnberg 71 führen. Dabei reicht das Spektrum von vertrauten Objekten, die mittlerweile fest zum Stadtbild gehören, wie Karl Prantls schwarzer Granitstein am Hauptmarkt oder Maciej Szańkowskis rotbraune Stahlplastik am Hallertor, bis hin zu Werken, die nun anlässlich des Jubiläums wiederentdeckt werden können, darunter auch die längste Skulpturengruppe des japanischen Bildhauerkollektivs um Makoto Fujiwara in Langwasser.
Darüber hinaus bieten ein Kurzführer, ein Stadtplan und die neue Website www.su-nuernberg.de (derzeit noch im Aufbau) weiterführende Informationen zu den Kunstwerken und ermöglichen auch individuelle Rundgänge.

Heute ist es kaum vorstellbar, dass diese Werke Anfang der 1970er-Jahre heftige Proteste und wiederholte Demolierungen provoziert haben. Die am 8. Juli 2021 beginnende Ausstellung Art Attacks! 50 Jahre Kunst im öffentlichen Raum Nürnberg im Foyer des Neuen Museums Nürnberg greift den damaligen, lokalen und überregionalen Diskurs auf und beleuchtet das Thema des Kunstvandalismus auf vielfältige Weise. Ausgehend von den 1971 am heftigsten attackierten Werken, der mehrfach aufgeschlitzten pneumatischen Plastik Wegweiser der Künstlergruppe Haus-Rucker-Co und der zeitgleich zum Symposion Urbanum Nürnberg 71 aufgestellten Wand aus Stahlelementen von Erich Hauser, fragt die Ausstellung nach den Ursachen der Debatte und zieht dabei auch Parallelen zu der 35 Jahre später ebenso heftig auflodernden Kritik anlässlich Olaf Metzels Installation Auf Wiedersehen (2006) am Schönen Brunnen in Nürnberg.

Die beiden Ausstellungen sowie die Beiträge von Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen zur Tagung werden in einer zweibändigen Publikation dokumentiert.

 

The several-part project Symposion Urbanum Nürnberg from summer 2021 will be placing its focus on art in public space. The occasion is the 50th anniversary of the legendary international sculpture project Symposion Urbanum Nürnberg 71, which still appears impressive today with its internationality, its committed character, and its future-oriented view: with the help of private and municipal funding, 29 sculptures by 30 young artists or artist groups from Argentina, Austria, Germany Israel, Italy, Japan, Poland, and Spain were made and erected in various locations in urban space. 24 of these works can still be found in the city today. The spirit of optimism that gripped Nuremberg in 1971, on the occasion of Albrecht Dürer's 500th birthday, was also reflected in that ambitious and courageous project, also one of the first sculptors' symposia in urban space.

This achievement will now be commemorated by the Symposion Urbanum Nürnberg project, initiated by the Advisory Board for Visual Arts, supported by the Nuremberg Department for Planning and Building and developed in cooperation with the Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier and the Neues Museum - State Museum of Art and Design in Nuremberg. The symposium will comprise two exhibitions, a conference,  publications, and a varied programme of guided tours and further outreach events.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space in Kunsthalle Nürnberg will examine the Symposion Urbanum Nürnberg 71 in the context of a social and artistic mood of departure, revealing the way that Nuremberg was at the cutting edge of developments in that era. In Kassel, for example, at the same time Arnold Bode's idea of a “documenta urbana” was being discussed, while in Münster an exhibition of sculptures in urban space was being considered, realised for the first time in 1977 and marking the beginning of the Skulptur Projekte Münster. And Eberhard Roters, head of the collection at Kunsthalle Nürnberg and an active member of the association of the Symposion Urbanum Nürnberg 71, was in charge of one section of Harald Szeemann's legendary documenta 5 in 1972. Szeemann's concept of “parallel visual worlds” was based on an expanded concept of art, whereby the artistic situation was closely interwoven with political, cultural and social reality.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space at Kunsthalle Nürnberg will also span the period from the 1970s to the present day. The modernist, mostly abstract sculptures in public space that still predominantly characterised the Symposion Urbanum Nürnberg 71 were soon followed by site-specific art installations relating more obviously to architecture and urban surroundings. Parallel to this, temporary projects on social issues also developed in public space, working on the development of a communal political consciousness. One example is Joseph Beuys' artwork 7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadterwaltung (7000 Oaks - Urban Forestation instead of City Administration), which was presented at documenta 7 in 1982. A mountain of 7,000 basalt blocks in front of the Friedericianum was cleared away within five years by giving anyone interested one of the blocks for a donation of 500 DM; it would then be positioned next to a freshly planted oak tree somewhere in the city. In this way, the artistic action became an ecological intervention that permanently changed the urban space and involved the participation of many people.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space shows an exemplary selection of the diverse forms of art in public space, ranging from autonomous objects to participatory processes. The long period of 50 years also reveals the expansion of public space through new media and virtual spaces from the 2000s onwards, as well as a significant change in gender relations within this, until then, almost exclusively male-dominated field of art.

Tthe multimedia exhibition Art Attacks! 50 Years of Art in Public Space Nuremberg in the foyer of the Neues Museum Nürnberg will shed light on the reception history of the Symposion Urbanum Nürnberg 71 and the local and national discourse at the time.

The Project  will be accompanied by an international conference to discuss current issues of urban development such as digitalisation, decolonisation, mobility and climate protection for the heterogeneous society of tomorrow. A website will complement these projects with a city map and information about the artworks in public space. This will enable independent and individual engagement with the sculptures and their themes. An extensive analogue guided tour and event programme will also span the arc between the still-present sculptures from 1971 and current works in the city's public space.

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