In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum

26. Juni - 26. September 2021

Der urbane Raum unterliegt permanenten Veränderungen und Anforderungen durch Verdichtung oder Strukturwandel. Wie kann die Kunst in dem vielschichtigen Konstrukt aus Funktionen, Geboten und wirtschaftlichen Interessen, Möglichkeiten für kreative Prozesse und eine neue Wahrnehmung der alltäglichen lokalen Umgebung entwickeln?

English version

Vom 26. Juni bis 26. September 2021 steht mit dem mehrteiligen Projekt Symposion Urbanum Nürnberg die Kunst im öffentlichen Raum im Fokus. Anlass ist die Erinnerung an das legendäre internationale Skulpturenprojekt Symposion Urbanum Nürnberg 71, das auch heute noch aufgrund seiner Internationalität, seines engagierten Charakters und seines in die Zukunft gerichteten Blicks beeindruckt: 29 Skulpturen von 30 jungen Künstlern oder Künstlergruppen aus Argentinien, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Polen, Israel und Japan wurden mittels privater und städtischer Finanzierung an verschiedenen Orten im Stadtraum produziert und aufgestellt, 24 dieser Werke sind heute noch präsent. Die Aufbruchsstimmung, die Nürnberg 1971 anlässlich Albrecht Dürers 500. Geburtstag erfasste, spiegelt sich auch in diesem ehrgeizigen und mutigen Projekt wider, das zugleich eines der ersten Bildhauer-Symposien im urbanen Raum war.

An diese Leistung erinnert nun das vom Beirat für Bildende Kunst initiierte, vom Baureferat der Stadt Nürnberg getragene und in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier und dem Neuen Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg entwickelte Projekt Symposion Urbanum Nürnberg, das zwei Ausstellungen, eine Tagung, eine Publikation und ein abwechslungsreiches Führungs- und Vermittlungsprogramm umfasst.

Die Ausstellung In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum in der Kunsthalle Nürnberg betrachtet das Symposion Urbanum Nürnberg 71 im Kontext der gesellschaftlichen und künstlerischen Aufbruchsstimmung und zeigt, wie nah Nürnberg damals am Puls der Zeit war. So diskutierte man in Kassel zeitgleich Arnold Bodes Idee einer „documenta urbana“, während in Münster über eine Ausstellung von Skulpturen im urbanen Raum nachgedacht wurde, die dann 1977 erstmals realisiert, den Beginn der Skulptur Projekte Münster bildete. Und Eberhard Roters, Sammlungsleiter der Kunsthalle Nürnberg und aktives Mitglied im Verein des Symposion Urbanum Nürnberg 71, betreute 1972 einen Bereich der legendären documenta 5 von Harald Szeemann. Sein Konzept der „parallelen Bildwelten“ basierte auf einem erweiterten Kunstbegriff, bei dem die künstlerische Situation eng mit der politischen, kulturellen und sozialen Realität verwoben war.

Zugleich schlägt die Ausstellung In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum in der Kunsthalle Nürnberg den zeitlichen Bogen von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart. Auf die modernistischen, meist abstrakten Skulpturen im öffentlichen Raum, die noch überwiegend das Symposion Urbanum Nürnberg 71 prägten, folgten bald ortsspezifische Kunstinstallationen, die sich stärker auf die Architektur und urbane Umgebung bezogen. Parallel entwickelten sich auch temporäre Projekte zu sozialen Themen im öffentlichen Raum, die an der Entwicklung eines gemeinschaftlichen politischen Bewusstseins ansetzten. Als Beispiel sei hier Joseph Beuys‘ Kunstwerk 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung genannt, das 1982 auf der documenta 7 vorgestellt wurde. Ein riesiger Berg aus 7000 Basaltblöcken vor dem Friedericianum wurde innerhalb von fünf Jahren abgetragen, indem jede/r Interessierte gegen eine Spende von 500 DM einen der Blöcke erhielt, um ihn neben ein frisch gepflanztes Eichenbäumchen irgendwo im Stadtraum zu positionieren. So wurde aus der künstlerischen Aktion eine ökologische Intervention, die den urbanen Raum unter Mitwirkung vieler Personen nachhaltig veränderte.

Die Ausstellung In Situ? Über Kunst im öffentlichen Raum zeigt eine exemplarische Auswahl der vielfältigen Formen der Kunst im öffentlichen Raum, die vom autonomen Objekt bis hin zum partizipativen Prozess reicht. Zu erkennen sind in dem langen Zeitraum von 50 Jahren auch die Erweiterung des öffentlichen Raumes durch neue Medien und virtuelle Räume ab den 2000er-Jahren sowie etwa zeitgleich eine signifikante Veränderung der Geschlechterverhältnisse in diesem bis dahin fast ausschließlich männlich dominierten Bereich der Kunst.

Parallel hierzu legt die Ausstellung Art Attack! 50 Jahre Kunst im öffentlichen Raum Nürnberg im Foyer des Neuen Museums den Schwerpunkt auf die Rezeptionsgeschichte des Symposion Urbanum Nürnberg 71. War die Motivation der Veranstalter, die Kunst aus dem Museum auf die Straße zu bringen, um die Menschen unmittelbar in ihrem Alltagsleben zu erreichen, so loderten in Nürnberg wie anderswo in der Bundesrepublik rasch hitzige Debatten auf, die bis zur Zerstörung von ausgestellten Werken reichten. Ein halbes Jahrhundert nach den ersten Gehversuchen von Kunst im öffentlichen Raum fragt die Ausstellung nach den damaligen Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger, und möchte darauf blicken, welchen Stellenwert Kunst in der Gesellschaft einnehmen kann. Art Attack! will kritische und befürwortende Stimmen ernst nehmen und über eine multimediale Aufbereitung des Themas zu einem Dialog über Kunst im öffentlichen Raum anregen.

Den Ausstellungsbeginn am 24./25.Juni begleitet eine internationale Tagung, bei der aktuelle Themen der urbanen Entwicklung wie Digitalisierung, Dekolonialisierung, Mobilität und Klimaschutz für die heterogene Gesellschaft von morgen diskutiert werden. Eine digitale Präsentation ergänzt diese Projekte mit einem Stadtplan und Informationen zu den Kunstwerken im öffentlichen Raum, und ermöglicht eine unabhängige und individuelle Auseinandersetzung mit den Skulpturen und Themen. Auch ein umfangreiches analoges Führungs- und Veranstaltungsangebot wird den Bogen zwischen den noch präsenten Skulpturen von 1971 und aktuellen Werken im öffentlichen Raum der Stadt spannen.

 

The several-part project Symposion Urbanum Nürnberg from 26th June to 26th September 2021 will be placing its focus on art in public space. The occasion is the 50th anniversary of the legendary international sculpture project Symposion Urbanum Nürnberg 71, which still appears impressive today with its internationality, its committed character, and its future-oriented view: with the help of private and municipal funding, 29 sculptures by 30 young artists or artist groups from Argentina, Austria, Germany Israel, Italy, Japan, Poland, and Spain were made and erected in various locations in urban space. 24 of these works can still be found in the city today. The spirit of optimism that gripped Nuremberg in 1971, on the occasion of Albrecht Dürer's 500th birthday, was also reflected in that ambitious and courageous project, also one of the first sculptors' symposia in urban space.

This achievement will now be commemorated by the Symposion Urbanum Nürnberg project, initiated by the Advisory Board for Visual Arts, supported by the Nuremberg Department for Planning and Building and developed in cooperation with the Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier and the Neues Museum - State Museum of Art and Design in Nuremberg. The symposium will comprise two exhibitions, a conference, a publication, and a varied programme of guided tours and further outreach events.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space in Kunsthalle Nürnberg will examine the Symposion Urbanum Nürnberg 71 in the context of a social and artistic mood of departure, revealing the way that Nuremberg was at the cutting edge of developments in that era. In Kassel, for example, at the same time Arnold Bode's idea of a “documenta urbana” was being discussed, while in Münster an exhibition of sculptures in urban space was being considered, realised for the first time in 1977 and marking the beginning of the Skulptur Projekte Münster. And Eberhard Roters, head of the collection at Kunsthalle Nürnberg and an active member of the association of the Symposion Urbanum Nürnberg 71, was in charge of one section of Harald Szeemann's legendary documenta 5 in 1972. Szeemann's concept of “parallel visual worlds” was based on an expanded concept of art, whereby the artistic situation was closely interwoven with political, cultural and social reality.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space at Kunsthalle Nürnberg will also span the period from the 1970s to the present day. The modernist, mostly abstract sculptures in public space that still predominantly characterised the Symposion Urbanum Nürnberg 71 were soon followed by site-specific art installations relating more obviously to architecture and urban surroundings. Parallel to this, temporary projects on social issues also developed in public space, working on the development of a communal political consciousness. One example is Joseph Beuys' artwork 7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadterwaltung (7000 Oaks - Urban Forestation instead of City Administration), which was presented at documenta 7 in 1982. A mountain of 7,000 basalt blocks in front of the Friedericianum was cleared away within five years by giving anyone interested one of the blocks for a donation of 500 DM; it would then be positioned next to a freshly planted oak tree somewhere in the city. In this way, the artistic action became an ecological intervention that permanently changed the urban space and involved the participation of many people.

The exhibition In Situ? On Art in Public Space shows an exemplary selection of the diverse forms of art in public space, ranging from autonomous objects to participatory processes. The long period of 50 years also reveals the expansion of public space through new media and virtual spaces from the 2000s onwards, as well as a significant change in gender relations within this, until then, almost exclusively male-dominated field of art.

In parallel, the multimedia exhibition Art Attack! 50 Years of Art in Public Space Nuremberg in the foyer of the Neues Museum Nürnberg will shed light on the reception history of the Symposion Urbanum Nürnberg 71 and the local and national discourse at the time.

The opening of the exhibition on 24th/25th June will be accompanied by an international conference to discuss current issues of urban development such as digitalisation, decolonisation, mobility and climate protection for the heterogeneous society of tomorrow. A website will complement these projects with a city map and information about the artworks in public space. This will enable independent and individual engagement with the sculptures and their themes. An extensive analogue guided tour and event programme will also span the arc between the still-present sculptures from 1971 and current works in the city's public space.

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